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Drei Wochen Entschleunigung

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Auf dem Gotthard wird mit Sekt aus Kaffeetassen gefeiert.
Auf dem Gotthard wird mit Sekt aus Kaffeetassen gefeiert. © privat

Der Delkenheimer Siggi Schneider fuhr mit vier Freunden auf einem 50 Jahre alten Traktor durch die Alpen. Wenn er keine Angst vor langen Tunneln hätte, wäre es womöglich nie so weit gekommen.

Von Dominique Roth

Zwei Tage lang auf einem alten Traktor mit 15 Kilometer pro Stunde durch den Schwarzwald tuckern, bei nicht einmal fünf Grad und ununterbrochenem Regen. Ohne Verdeck. Für Siggi Schneider ist das eine seiner schönsten Erinnerungen, wenn er an den vergangenen Sommer zurückdenkt. „Es hat Spaß gemacht“, sagt der Rentner aus Delkenheim über die Traktorreise in die Alpen, die er 2013 mit vier Freunden vom Verein Historische Landmaschinen Diedenbergen unternommen hat.

Trotzdem sei er froh gewesen, als nach den nasskalten Tagen zu Beginn der Tour. Als die wahren Höhepunkte des insgesamt dreiwöchigen Ausflugs auf die Traktorfreunde zukamen: der St. Gotthard- und den Sustenpass. „Die beiden Passstraßen hochzutuckern,“ sagt Schneider, der sich mit der Reise einen Lebenstraum erfüllt hat, „das werde ich sicher nie mehr vergessen.“

50 Jahre alter Mc Cormick vom Schwiegervater

Wenn er keine Angst vor langen Tunneln hätte, wäre es womöglich nie so weit gekommen. Denn als er vor 20 Jahren mit seiner Familie in die Toskana fahren wollte, fiel für ihn der Gotthardtunnel wegen seiner Klaustrophobie aus. Also fuhren die Schneiders kurzerhand über den Pass – und standen im Stau. „Oben auf dem Pass haben wir dann auch den Grund für den Stau gesehen: mit Blumen geschmückte, alte Traktoren. Da habe ich mir geschworen: Das mache ich als Rentner auch einmal.“

Den passenden Traktor hatte glücklicherweise der eigene Schwiegervater parat: einen mittlerweile 50 Jahre alten roten Mc Cormick mit Erstzulassung vom 1. Juli 1963. „Das Jubiläum haben wir auf den Tag genau oben auf dem St. Gotthard-Pass gefeiert,“ sagt Schneider nicht ohne Stolz „dazu gab es dann auch ein kleines Schlückchen Sekt in den Kühler.“

Zu einem richtigen Projekt wurde Schneiders Lebenstraum aber erst vor zwei Jahren, als er seinen Vereinskameraden bei den „Historischen Landmaschinen Diederingen“ von seinem Vorhaben berichtete und sich einige davon spontan anschlossen. „Seitdem ist das Projekt über zwei Jahre hinweg gewachsen“, sagt Schneider. Sie informierten sich beim Schweizer Verkehrsministerium sowie bei der Polizei wegen der Genehmigungen für die Traktoren und fingen an, die Schäferwagen zu bauen.

Konstruktionspläne online gestellt

Um dabei einer TÜV-Zulassung zu entgehen, behalfen sie sich mit einem Trick: Die Schäferwagen sind lediglich auf herkömmliche Pkw-Anhänger gesetzt und festgezurrt. „Die Aufsätze gelten somit offiziell nur als Last“, betont Schneider. Das Problem beim Bau war nur, dass sie für diese Konstruktion keine vorgefertigten Baupläne gefunden hatten. „Wir wussten zwar, wie wir die Wagen prinzipiell konstruieren wollten,“ sagt Schneider „aber wenn man das Holz in der Hand hat, sieht alles ganz anders aus.“ Dennoch haben die Tüftler ihre Wagen fertig- und ihre Konstruktionspläne anschließend online gestellt.

Am 22. Juni vergangenen Jahres war es dann so weit, die dreiwöchige Alpenrundfahrt konnte beginnen. „Drei Wochen pure Entschleunigung“ nennt Schneider die Tour. Man bekomme die Natur viel intensiver mit, wenn man so langsam reist, schwärmt Schneider. „Mit etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit an einem badischen Erdbeerfeld vorbeifahren oder durch die Gischt von Wasserfällen zu tuckern, da fehlen einem die Worte.“

Einen ausführlichen Reisebericht liefert der Protagonist höchstpersönlich: Am Freitag, 31. Januar, wird Schneider zusammen mit den anderen vier Teilnehmern der Traktor-Transalp im Bürgerhaus Delkenheim einen Dia- und Filmvortrag halten. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr.

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