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Diebesgut vom Friedhof

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Von: Christina Franzisket

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Um Schändungen zu verhindern, schließt die Gräberstätte Kastel nun über Nacht

Grabräuber sind wieder auf Beutezug in Wiesbaden. Besonders auf den Friedhof in Kastel haben es die Diebe abgesehen, deshalb wird er auf Anordnung der Stadt seit diesem Donnerstag nachts abgeschlossen.

In Kastel wurde in diesem Jahr laut Polizei schon von 76 Gräbern der Grabschmuck gestohlen. Zuletzt am 9. Oktober: „Der Friedhof ist abgelegen, die Räuber haben gute Fluchtmöglichkeiten“, so der Pressesprecher der Polizei in Wiesbaden, Markus Hoffmann. Die Täter stehlen bevorzugt Grabschalen aus Bronze, Messing oder Kupfer, die laut Hoffmann bei einem Wert zwischen 300 und 600 Euro liegen. Dabei gehen sie mit brachialer Gewalt ans Werk, denn die Schalen sind fast immer fest an Grabsteinen montiert. „Dadurch werden die Gräber zusätzlich schwer beschädigt“, so Hoffmann. Aber auch anderen Grabschmuck nehmen sie mit, Hauptsache, er besteht aus Metall. Es sind ganze Räuberbanden, gut organisiert kommen sie mit Lastwagen und erbeuten auf ihren Touren mehrere Tonnen Edelmetall. „Die verscherbeln sie anschließend beim Schrotthändler“, so Hoffmann.

Nach dem ersten Diebstahl auf dem Friedhof in Kastel im April dieses Jahres waren die Täter jedoch unvorsichtig und verkauften das Gestohlene an einen Schrottplatz in Wiesbaden. Bei den Ermittlungen stieß die Polizei schnell auf sage und schreibe 150 Grabschalen wahrscheinlich aus der gesamten Region, die auf einem Schrottplatz in Wiesbaden lagerten.

Der Betreiber gab an, diese Ware für drei Euro pro Kilogramm gekauft zu haben. Dass der Schrotthändler bei so einer großen Menge Grabschalen nicht stutzig wurde, kann sich Hoffmann nur so erklären: „Da war die Gier wahrscheinlich größer als das Gewissen.“ Laut Hoffman werde auch gegen den Händler ermittelt. Die Polizei erfuhr auf dem Schrottplatz die Personalien der Grabschalenverkäufer und die Autokennzeichen, und kurze Zeit später konnte einer der Täter, ein 31-jähriger Bulgare, gegen den bereits ein anderer Haftbefehl wegen Diebstahls bestand, festgenommen werden.

Hoffmann will sich nicht darauf festlegen, dass es sich bei den Räuberbanden ausschließlich um Menschen aus den östlichen Nachbarländern handelt: „Die Täter hinterlassen außer der Verwüstung keine Spuren, es ist sehr schwer, sie zu finden und in Personengruppen einzugrenzen.“

Die Grabschändungen hinterlassen dafür einen materiellen und besonders auch einen großen emotionalen Schaden bei den Hinterbliebenen. In einer Großaktion stellte die Polizei die im Mai sichergestellten Grabschalen aus, damit die Hinterbliebenen die ihren identifizieren konnten: „Das war für alle Beteiligten sehr schwer“, erinnert sich Hoffmann.

Die Räubereien auf Friedhöfen betreffen nicht nur Kastel, auch in Erbenheim oder auf dem Südfriedhof wurde gestohlen. Die Banden machten jedoch deutschlandweit auf Friedhöfen Jagd nach Metallen. „So lange die Metallpreise so hoch stehen, scheint es eine große Verlockung zu sein“, sagt die Dezernentin für Grünflächen und Ordnungsamt Birgit Zeimetz (CDU). Weil sich viele Hinterbliebene bei der Stadt wegen der Grabschändungen beschwerten, hatte sie angeordnet, in Kastel den Schließdienst wieder einzuführen. Eigentlich wurde 2005 beschlossen, dass alle Friedhöfe auch nachts geöffnet bleiben. Doch in der Hoffnung, die Diebstähle eindämmen zu können, wird der Friedhof Kastel nun nachts abgeschlossen: „Es ist ein Versuch“, so Zeimetz, „ganz verhindern kann man es wahrscheinlich nicht“.

Auch Hundestaffeln der Polizei seien auf den Friedhöfen der Stadt unterwegs: „Wir müssen einfach gegen die Grabschändungen etwas tun“, so Zeimetz, „die emotionalen und materiellen Schäden waren einfach zu groß.“ Sie will weiterhin mit der Polizei über Maßnahmen im Gespräch bleiben. Polizeisprecher Hoffmann bittet auch die Friedhofbesucher, aufmerksam zu sein: „Wem auf dem Friedhof jemand verdächtig erscheint, soll ruhig die Polizei informiert werden, wir sind auf Mithilfe angewiesen.“

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