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Claudia Grilletta (M.) von Upstairs hilft unbürokratisch, zum Beispiel mit Fahrscheinen.
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Claudia Grilletta (M.) von Upstairs hilft unbürokratisch, zum Beispiel mit Fahrscheinen.

Wiesbaden

Die Zahl wohnungsloser Jugendlicher in Wiesbaden steigt

  • VonDiana Unkart
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Familien geraten nach monatelangem Lockdown an die Belastungsgrenze. Gleichzeitig fehlen Hilfsangebote. Die mobile Beratung Upstairs, die wohnungslose Jugendliche unterstützt, verzeichnet großen Zulauf.

Welche negativen Folgen die Corona-Pandemie für Jugendliche und junge Erwachsene haben kann, erleben Claudia Grilletta und ihr Team Tag für Tag. Seit nunmehr 20 Jahren gibt es Upstairs in Wiesbaden, eine mobile Anlaufstelle für junge Menschen, die wohnungslos beziehungsweise von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder sich in anderen schwierigen Lebenssituationen befinden. Die Angebote von Upstairs sind in diesen Zeiten gefragter denn je.

Es gab Tage, an denen sich vor dem knallbunten Wohnmobil, das in den Reisinger Anlagen nahe dem Hauptbahnhof abgestellt ist, lange Schlangen bildeten. Ende Oktober seien täglich etwa 25 Jugendliche zum Upstairs-Mobil gekommen – so viele seien es vorher noch nie gewesen, sagt Grilletta. Gespräche im Wohnmobil darf es wegen der Corona-Regeln nicht geben, sie sind nach draußen, auf die Wiese, verlegt worden. „Walk and talk“, heißt eines der neuen Formate, das aus der Not heraus entwickelt werden musste. Ein Stück laufen und dabei reden. Die Gesprächsbedarfe, sagt Patrick Lahr, Regionalleiter der Jugendhilfe des evangelischen Vereins für innere Mission (Evim), die Up-stairs gegründet hat, seien derzeit extrem hoch.

Claudia Grilletta, seit zehn Jahren Teamleiterin bei Upstairs, zeigt Diagramme und Zahlen. 113 junge Menschen haben sich im vorigen Jahr an die Sozialarbeiter:innen gewandt. 1715-mal haben sie Kontakt zu dem fünfköpfigen Team gesucht – bei coronabedingt eingeschränkten Öffnungszeiten. Ein Jahr zuvor waren es 92 Jugendliche und 1739 Einzelkontakte. Hinter den Zahlen verbergen sich Schicksale und so ziemlich alle Arten von Nöten, mit denen Kinder und Jugendliche konfrontiert werden können.

Junge Menschen, die in den vergangenen Monaten zum ersten Mal Hilfe bei Upstairs suchten, sind von zu Hause geflohen, weil die Situation unerträglich wurde, weil sie Opfer von häuslicher Gewalt oder von sexuellem Missbrauch wurden, weil Eltern heillos überfordert waren. Die psychische Vorbelastung der Eltern sei auffällig. Ohnehin schon fragile Familienstrukturen seien zusammengebrochen, sagt Lahr. Das führe unter Umständen auch dazu, dass sich Eltern von ihren Kindern abwendeten, sie zurückließen oder rauswürfen. Gleichzeitig sind Hilfsangebote eingeschränkt worden oder ganz weggefallen. „Wer Hilfe sucht, findet sie nicht mehr.“ Wie viele Jugendliche tatsächlich in der Stadt ohne Bleibe sind, lässt sich nur schwer schätzen. Unter ihnen sei die verdeckte Wohnungslosigkeit hoch, sagt Grilletta. Sie kämen bei Freunden unter und reflektierten sich selbst gar nicht als Obdachlose. Deswegen möchten sie nicht in Obdachlosenunterkünften untergebracht werden.

Die Mitarbeiter:innen von Upstairs helfen ihnen, einen Schlafplatz zu finden. Mal wird er nur für eine Nacht gebraucht, mal für länger. Sie bekommen Kleidung, Essen, einen Fahrschein oder werden bei Behördengängen begleitet. Die Hilfe ist unbürokratisch im Wortsinne. Das Projekt ist komplett spendenfinanziert und kann deswegen anders arbeiten als Einrichtungen der institutionalisierten Jugendhilfe. „Zu uns kommen völlig verschiedene Menschen, und wir machen uns mit jedem auf den Weg“ , sagt Claudia Grilletta. Wie weit er ist, wie lange er dauert, hänge allein von der Person ab, die Hilfe suche. Es könne ein fünfminütiges Gespräch sein oder Begleitung über ein Jahr hinaus.

Vermeintliche Kleinigkeiten – fehlende kostenlose WLAN-Hotspots, weil die Fastfood-Restaurants geschlossen sind – bedeuten für jemanden, der darauf angewiesen ist, einen Verlust von Kommunikationsmöglichkeiten. Dass Praktikums- oder Ausbildungsplätze, persönliche Termine in Ämtern oder im Jobcenter weggefallen sind, dass der Zugang zu medizinischer und psychologischer Betreuung erschwert ist, macht den Schritt von der Obdachlosigkeit hin in ein geregeltes Leben noch mühsamer, als er ohnehin schon ist.

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