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Martina Lohmeier ist mit allen Verkehrsmitteln unterwegs, auch mit dem Fahrrad.
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Martina Lohmeier ist mit allen Verkehrsmitteln unterwegs, auch mit dem Fahrrad.

Wiesbaden

„Die Wirtschaft geht nicht kaputt, wenn man Fahrstreifen reduziert“

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Die neue Wiesbadener Stiftungsprofessorin der Hochschule Rhein-Main übers Radfahren, künftige Expertinnen und Experten und warum Straßen von außen zur Mitte geplant werden

Um eine bessere Infrastruktur für den Radverkehr zu schaffen, bildet die Hochschule Rhein-Main Radexperten aus. Eine neue Stiftungsprofessur soll den Schwerpunkt noch verstärken.

Frau Lohmeier, wie viel Fahrräder haben Sie? Und fahren Sie mit dem Rad zur Arbeit?

Ich habe ein Fahrrad, fahre aber damit nicht zur Arbeit, weil der Weg zu weit ist. Ich bin ansonsten multimodal unterwegs und benutze alles, was zur Verfügung steht, die Bahn, das Auto, das Rad, und ich gehe auch gerne zu Fuß.

Wozu braucht es eine Professur fürs Radfahren?

Die Gemengelage auf den Straßen hat sich enorm verkompliziert. Es gibt mehr Autoverkehr, unterschiedliche Fahrräder, etwa E-Bikes, Lastenräder oder Räder mit Anhänger. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass Radfahren gesünder und klimafreundlicher ist. In meinem Studium – und das ist noch nicht so lange her – galt bei der Straßenplanung der Radverkehr als ein Nebenprodukt. Das hat sich geändert. Er bekommt ein größeres Gewicht für die Raumplanung.

Was heißt das?

Früher wurde eine Straße von der Mitte nach außen geplant. In der Mitte mussten mindestens zwei Fahrstreifen für die Autos geplant werden. Was am Rand übrig blieb, mussten sich Fußgänger und Radfahrer teilen. Jetzt vollzieht sich gerade ein Paradigmenwechsel. Wir planen von außen nach innen, viel Platz für Fußgänger und Radfahrer, dazu Au-fenthaltsqualität und Grün. Wir müssen die Infrastrukturplanung neu denken. Dafür brauchen wir Fachleute.

Womit werden Sie sich als Radfahrprofessorin beschäftigen?

Die Zusammenhänge der verschiedenen Verkehrsarten beherrschen unsere Studierenden schon gut. Was fehlt, sind praktisch orientierte Inhalte wie der Entwurf und Bau von Fahrradwegen, mehr Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer. Was brauchen wir darüber hinaus? Abstellplätze für Räder etwa und genug Aufstellfläche für Fußgänger und Radfahrer vor Ampeln, und zwar so viel, dass auch Menschen mit Behinderungen oder eingeschränkter Mobilität ausreichend Platz haben. Die Frage ist auch, wie schafft man es, die Menschen ganzjährig zum Umsteigen aufs Rad zu bewegen.

Zur Person

Martina Lohmeier hat im April die erste Professur für Mobilität und Radverkehr an der Wiesbadener Hochschule Rhein-Main angetreten. Es ist eine von sieben Professuren, die die Bundesregierung deutschlandweit vergeben hat, drei davon in Hessen. In Verbindung mit Mobilitätsmanagement ist die Professur einmalig in Deutschland.

Die 40-Jährige ist diplomierte Bauingenieurin mit Schwerpunkt Raum- und Infrastrukturplanung. Als Verkehrsplanungsingenieurin war sie zuvor für Kommunen, etwa für Köln, tätig. Lohmeier hat zwei Kinder.

Die Fahrradwege müssen breiter sein.

Natürlich, die Anlagen müssen unbedingt breiter sein, damit auch jeder sein eigenes Tempo fahren kann. Lastenräder sind breiter und länger. Pendler, die mit E-Bikes unterwegs sind, fahren schnell, ältere Menschen dagegen langsamer, sie brauchen einen Schutzraum.

Warum erhielt die Hochschule Rhein-Main als eine von sieben unter 33 sich bewerbenden Hochschulen den Zuschlag?

Die Kollegen im Studiengang Mobilitätsmanagement sind schon sehr nah am Thema dran, um langfristige Verhaltensänderungen voranzutreiben. Sie haben bei den Praxispartnern abgefragt, über welche Kompetenzen zukünftiges Fachpersonal verfügen muss. Die Hochschule bildet nun Radverkehrs- und Mobilitätsmanager aus. Dort finden sich Anknüpfungspunkte für meine Arbeit. Das Gesamtpaket Ausbildung, Weiterbildung und Forschung ist gut aufgelegt. Ich habe mich schon bei einigen Partnern vorgestellt und bin überrascht, mit wie viel Interesse die Arbeit verfolgt wird. Wir möchten auch einen Masterstudiengang aufbauen, in dem man sich unter anderem auf den Radverkehr fokussieren kann.

Wie bewerten sie die Anstrengungen der Landeshauptstadt für den Radverkehr?

Wiesbaden verfolgt forsch seine Ziele, das finde ich super. Die Busspuren für Radler zu öffnen, ist dafür ein adäquates Mittel. Nimmt die Zahl der Radfahrer langfristig anhaltend zu, was wir uns ja wünschen, brauchen wir neue Lösungen. Man darf Radler im fließenden Verkehr mitführen. Meinen Kindern rate ich, dann in der Straßenmitte zu fahren, damit sie nicht an den Rand gedrängt werden. Ansonsten gilt auch für Wiesbaden, dass die Stadt für durchgängige Radwege sorgen muss. Dabei unterstützen wir gerne.

Was sagen Sie den Leuten, die befürchten, dass ihnen für ihr Auto der Platz auf der Straße genommen wird?

Mein Credo ist: Irgendwem tut es immer weh. Aber wir wollen Autos ja nicht grundsätzlich abschaffen, sondern gute Alternativen anbieten. Ich glaube auch nicht, dass die Wirtschaft kaputtgeht, wenn man an einigen Stellen die Anzahl der Fahrstreifen reduziert. Es gibt gute Lösungen, etwa neue Logistikkonzepte. Außerdem ist der Straßenverkehr ein großer Treibhausgasemittent. Das war auch das Thema meiner Promotion. Wir können so einfach nicht mehr weitermachen.

Schaffen wir es, im Radverkehr in fünf Jahren dem Beispiel Dänemark zu folgen?

Einige deutsche Städte und Regionen sind weit voran, andere fangen jetzt erst an. Ich glaube nicht, dass alle in fünf Jahren die Radinfrastruktur wie in Dänemark stellen können. Aber ich bin optimistisch, dass dann junge Praxisakteure an den Start gehen, die den Kommunen zeigen, wie es gemacht wird.

Interview: Madeleine Reckmann

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