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Die Bäume mit ihren braunen Blättern sind zu einem Zeichen des Klimawandels geworden.

Wiesbaden

Der Klimawandel kommt Wiesbaden teuer zu stehen

  • vonDiana Unkart
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Die Ausgaben der Stadt steigen kontinuierlich. Für manchen Landwirt stellt sich derweil die Frage, wie lange der Betrieb noch wirtschaftlich bleibt.

Die abgestorbenen Fichten mögen das augenfälligste Zeichen des Klimawandels sein. Unter Hitze, Dürre, Starkregen und Stürmen leidet aber nicht nur der Wald. Die Landwirte verzeichnen teilweise drastische Ernteeinbußen und in der Stadt verändert der Klimawandel deren Gesicht.

Im Wiesbadener Stadtwald habe die Fichte keine Zukunft, sagt Forstamtsleiterin Sabine Rippelbeck. Im Jahr 2006 wuchsen in den Wäldern noch etwa 17 Prozent Nadelgehölze. 2017, bei der jüngsten Bestandsaufnahme, waren es noch neun bis zehn Prozent. Die langen Phasen von Trockenheit in den vergangenen Jahren machten allen Bäumen zu schaffen. „Wir haben einen hohen Altbuchenanteil. Auch sie haben gelitten.“ Die kahlen Flächen aufzuforsten, sei nicht einfach. Sie müssten erst mal freigeräumt werden. Und dann mangele es europaweit an Pflanzgut, weil andere Länder genauso unter den Auswirkungen litten. In Wiesbaden wird jetzt auf Eicheln aus dem eigenen Wald gesetzt.

Im Osten der Stadt betreibt Ditmar Kranz den Scholzenhof, einen Bio-Landwirtschaftsbetrieb. Als ihn vor einigen Jahren eine Studentin zu den Auswirkungen des Klimawandels befragt habe, habe er gesagt, er bemerke nichts. Inzwischen müsse er sich revidieren, sagt er. „Das aktuelle Jahr war für uns kritisch. Wir haben über alle Kulturen hinweg deutlich weniger Ertrag.“

Im Frühjahr habe nicht nur Niederschlag gefehlt. Ostwind und eine ungewöhnlich niedrige Luftfeuchtigkeit hätten die Böden ausgetrocknet. „Wir haben immer mal wieder Frühjahrstrockenheit, aber nicht so extrem wie in diesem Jahr.“ Normalerweise wüchsen auf einem Hektar rund 80 000 Zuckerrübenpflanzen. 2020 seien es teilweise nicht mal 40 000 gewesen. Im September fehlte der Niederschlag; der Boden war so trocken, dass die Kartoffeln nicht geerntet werden konnten.

Kollegen, die konventionelle Landwirtschaft betreiben, hätten von einem dramatisch gesunkenen Ertrag berichtet. Statt der üblichen mindestens 30 bis 40 Tonnen Kartoffeln pro Hektar seien es teilweise nur 15 Tonnen gewesen. Setze sich die Entwicklung fort, bedeute das das Aus für den Kartoffelanbau in der Region. Die Viehbetriebe hätten ihre liebe Not, weil zu wenig Futter wachse. Es komme der Punkt, an dem die Wirtschaftlichkeit infrage gestellt sei.

Dirk Vielmeyer ist Vorsitzender des Wiesbadener Klimaschutzbeirates. Er nimmt Auswirkungen des Klimawandels wahr, die den meisten Menschen verborgen bleiben – noch. Klimaanpassung koste Geld, sagt er. Geld, das dann für Bildung, Soziales oder Kultur fehle. Heute schon werde investiert, um die Folgen abzumildern. „Die Frage ist, wie schnell die Ausgaben wie groß werden.“

Stadtplaner hätten längst umgedacht: Kein Spielplatz könne mehr gebaut werden ohne Bäume, keine Wohnungen ohne Verschattungskonzepte, die Überdachungen oder größere Markisen genauso beinhalten wie Begrünung, keine Innenhöfe ohne Wasserläufe oder Brunnen, die die Hitze mindern sollen. Die Alleenbäume werden die nächsten Jahrzehnte nicht überleben, prognostiziert Dirk Vielmeyer. Eine weitere Folge: Auf den Straßen werde während der heißen Sommer der Asphalt weich. Es bilden sich gefährliche Spurrinnen. Sie zu beseitigen, koste Steuergeld.

Und: Tiere wie die Tigermücke, die Krankheiten übertragen kann und ursprüngliche in wärmeren Gefilden zu Hause war, seien inzwischen in Wiesbaden anzutreffen und könnten sich dort vermehren. Das sei vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen.

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