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Deportiert vom Schlachthof

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Ein Foto diente als Vorlage - Graffiti-Mahnmal am Wiesbadener Schlachthof.
Ein Foto diente als Vorlage - Graffiti-Mahnmal am Wiesbadener Schlachthof. © FR/Schick

Ein Mahnmal am Hauptbahnhof erinnert an die ermordeten Wiesbadener Juden. Graffiti zeigen Szenen des Abtransports an der Schlachthof-Rampe. Von Michael Grabenströer

Von Michael Grabenströer

Der Gedenkort ist vollendet. Die Bäume - Kastanien im ersten Grün - müssen noch wachsen, und die Mahnmal-Mauer ist an der Rückwand nicht mehr durchgängig weiß. Zwei Sprüche sind wenig kunstvoll aufgemalt, obwohl Warntafeln das Beschmieren des Gedenkortes verbieten. Auf der Frontseite zeigt das offizielle Graffiti die Deportation der Wiesbadener Juden im September 1942 an dieser Stelle - fotorealistische Erinnerung.

Der Ort ist ein sensibler Ort. Sensibel im Erinnern. Sensibel aber auch in der Umgebung mit dem Schlachthof und der Nutzung des Gebäudes. Der Mahnort Schlachthoframpe sei ein "authentischer Ort", meinte Kulturdezernentin Rita Thies (Grüne) bei der Einweihung des Deportationsmahnmals am Freitag.

An diese Stelle seien die Züge abgefahren, die die Wiesbadener Juden in die Vernichtungslager transportierten. Die letzte Deportation fand am 1. September 1942 statt. Davon gab es Fotodokumente. Eines dieser Bilder hat der Graffitikünstler Yorkar7 auf den Mauerrest mit dem "Durchlass ins Ungewisse" übertragen.

Bruchstücke aus Briefen

Das Denkmal wird ergänzt durch eine Kastanienallee, die zu der Öffnung führt, die den Weg in die Vernichtung verhieß. Die Bäume stehen in terracotta-farbenen Betonkübeln, auf deren Rand wieder Graffiti-Schriften abgebildet sind. Eingeritzte Satzbruchstücke aus den letzten Briefen Wiesbadener Juden. "Wir nehmen nur einen Rucksack und einen Brotbeutel mit...", steht an Kastanie 16. Oder: "Mit diesen wenigen Zeilen nehmen meine Frau und ich von Ihnen Abschied für immer", heißt es an der Baumschale Nummer 1.

Eine angemessene zeitgemäße Erinnerung, einen "authentischen Ort", nennte Rita Thies das Denkmal. Sie erinnerte auch an den Streit um den Erhalt der alten Rampenreste, die schon längst nicht mehr die ursprünglichen waren. Die Rampe war im Krieg zerstört worden.

Gräuel der NS-Zeit

Die Pläne für das Denkmal entwarf Vollrad Kutscher, der auch über die Schriftformen in den Baumumrandungen das Heute mit dem Vergangenen verknüpfen wollte. Auf diese Verknüpfung von Heute und Vergangenheit kommt es auch Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel (CDU) an. Er hob die Bedeutung der Mahnung an den Gräuel der NS-Zeit hervor, an "denen auch Wiesbadener Bürger beteiligt waren".

Dieser dunkele Teil der Geschichte müsse für die Stadtgesellschaft sichtbar bleiben, sagte er. Dazu gehöre auch "der ehrliche Umgang mit der Vergangenheit". Und zu diesem ehrlichen Umgang gehört das Deportationsmahnmal an Schlachthof und Gleisen.

Paul Hellenbarth vom Aktiven Museum sieht darin ein "vielgesichtiges Denkmal", das in seiner Form und Gestaltung in die Gegenwart hinein wirkt.

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