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Nicole Nestler setzt auf die Kieze.

Wiesbaden

Damit sich Armut in Wiesbaden nicht vererbt

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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In Wiesbaden reißt die Corona-Pandemie ein Loch in den städtischen Haushalt. Bündnissprecherin Nicole Nestler fordert, das Geld für die Kinder- und Jugendarbeit nicht zu kürzen.

Nicole Nestler blickt besorgt in die Zukunft. Sie befürchtet, dass die Wiesbadener Kinder aus armen Elternhäusern als Folge der Corona-Pandemie weniger Chancen im Leben erhalten. „Da ist Druck im Kessel“, stellt die Politologin fest, die beim evangelischen Dekanat Wiesbaden die Fachstelle gesellschaftliche Verantwortung innehat. Sie meint damit die Haltung der Stadtverordneten, die mit den Einnahmeeinbußen im städtischen Haushalt umgehen müssen.

Die Gewerbesteuereinnahmen sind seit März so heftig gesunken, dass Kämmerer Axel Imholz (SPD) schon im Frühjahr ankündigte, dass 2020 neu aufgenommene Projekte gestrichen würden und der Haushalt 2021 neu verhandelt werden müsse. In der kommenden Woche möchte er bekanntgeben, wie groß das Loch in der Kasse ist.

Kieze

Kinder Eltern-Zentren (KIEZ) gibt es in zehn Stadtteilen mit hoher sozialer Bedarfslage seit 2009. Dort gibt es Angebote von der Frühförderung über das Elterncafé bis zum Spielenachmittag und anderes mehr. Die Kieze werden gut angenommen. 75 Prozent der Besucher der Veranstaltungen sind benachteiligte Eltern.

Finanzen: Seit 2009 gibt die Stadt pro Kiez etwa 60 000 Euro aus. Diese Mittel sollten jetzt verdoppelt werden, um in den zehn Stadtteilen mehr anzubieten. Dafür haben die Stadtverordneten 1,2 Millionen Euro bereit gestellt. mre

Danach werden die Fraktionen ihre Vorstellungen erarbeiten, welche Ausgaben gestrichen werden. Zu welchen Einschnitten sind die Stadtverordneten bereit? Soll bei Bauvorhaben wie der Sanierung des historischen Theaters Walhalla gespart werden? Oder wird es auch Einschnitte im Sozialen und bei der Kinder- und Jugendarbeit geben?

„Lobbyarbeit für die Schwächsten ist unsere Aufgabe“, sagt Nestler, treibende Kraft im Bündnis gegen Kinderarmut, dem neben dem evangelischen Dekanat der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Arbeiterwohlfahrt, die Katholische Erwachsenenbildung, die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Attac angehören. 20,9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Wiesbaden lebten 2019 in Familien, die Sozialleistungen beziehen. Die Kinderarmutsquote in Wiesbaden rangiert nach Kassel und Offenbach an dritter Stelle in Hessen. Nestler sagt, ein vorsorgender Sozialstaat müsse allen Menschen zugute kommen.

Um Kürzungen im Sozialbereich zu verhindern, hat Nestler sich zu einer klaren Positionierung im Vorfeld entschlossen. Insbesondere an den 1,2 Millionen Euro, die zusätzlich für die Sozialarbeit in den Kinder-Eltern-Zentren, Kiez genannt, eingestellt wurden, solle nicht gerüttelt werden, fordert sie. Aus ihrer Sicht ermöglichen die Kieze es Kindern und Jugendlichen, sich aus der Armutsfalle zu befreien. Dort finden sie und Eltern Ansprechpartner für ihre Probleme, erhalten Tipps und Hilfestellungen in Lebensfragen. Laut einer Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt und des Instituts für Sozialpolitik sei es durchaus möglich, dass sich Armut nicht vererbe, wenn die Familien genügend Unterstützung erhielten, berichtet Nestler.

Vor allem beim Eintritt in die Kita, Schule oder Ausbildung sollten Menschen bereitstehen, die sie beraten und ihnen den Weg in die neue Institution oder ins Berufsleben wiesen. „Kinder und Jugendliche brauchen diese Treffpunkte, wo sie ihre Ansprechpartner finden“, sagt sie. In den elterlichen Wohnungen sei zumeist zu wenig Platz. Aus den Gesprächen mit Fachleuten in den Einrichtungen weiß sie, dass die Wohnungen oft so klein seien, dass Kleinkinder keinen Platz zum Krabbeln hätten und Kinder keine Hausaufgaben machen könnten. Nestler fordert zudem, dass Angebote für Kinder und Jugendliche wie Schulausflüge, der Freibadbesuch, Sport und der öffentliche Nahverkehr kostenfrei gestaltet werden sollen.

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