CitybahnWIE4_051020
+
Bürger diskutieren mit den Verkehrsdezernenten Andreas Kowol (Mitte) und Günter F. Döring.

Wiesbaden

Citybahn in Wiesbaden sorgt weiter für Redebedarf

  • vonMirjam Ulrich
    schließen

Verkehrsdezernenten aus Wiesbaden und dem Rheingau-Taunus-Kreis stehen beim Kiezgespräch Rede und Antwort. Vor allem für den Untertaunus wäre der Bau wichtig, heißt es.

An den Bäumen und Laternenmasten rings um den Schiersteiner Weinstand hängen lauter Plakate der Citybahn-Gegner. Einige von ihnen sind am Freitagnachmittag dorthin zum Kiezgespräch über die Citybahn gekommen. Die Verkehrsdezernenten von Wiesbaden und dem Rheingau-Taunus-Kreis, Andreas Kowol (Grüne) und Günter F. Döring (SPD), stehen Rede und Antwort. Im Laufe des zweistündigen Gesprächs verdoppelt sich die Teilnehmerzahl auf 40. Sie haben viele Fragen – allen voran zur Finanzierung der Citybahn. Aktuell werden die Baukosten für die rund 40 Kilometer lange Strecke Mainz—Wiesbaden—Bad Schwalbach auf 426 Millionen Euro geschätzt.

Andreas Kowol erläutert, dass es nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) Geld vom Bund gebe – jedoch nur für den schienengebundenen Nahverkehr. „Wiesbaden hat das in den vergangenen 40 Jahren noch nie in Anspruch genommen.“ Insgesamt gebe es 90 Prozent der Baukosten als Fördermittel, so dass Wiesbaden dafür rund 29 Millionen aufbringen müsse. Zum Vergleich nennt er die Kosten für den Neubau des Rhein-Main-Congresscenters (RMCC): 194 Millionen Euro, die die Stadt allein stemmte. „Bei 90 Prozent Förderung für den Bau der Citybahn wären wir idiotisch, das nicht in Anspruch zu nehmen.“

Der Entscheid

Der Termin für den Bürgerentscheid über die Citybahn ist am Sonntag, 1. November. Stimmberechtigt sind etwa 210 000 Einwohner der Landeshauptstadt. Die Mehrheit der gültigen Stimmen entscheidet, die aber mindestens 15 Prozent der Stimmberechtigten ausmachen muss. Das Quorum liegt bei 31 500 Stimmen. Eine Info-Veranstaltung zur Citybahn gibt es am Mittwoch, 21. Oktober, um 18 Uhr im Bürgerhaus Kostheim, Winterstraße 20. Anmeldung aufgrund der Pandemie erforderlich unter: www.citybahn-verbindet.de

Doch die meisten Zuhörer bleiben misstrauisch, wollen wissen, „warum die Nutzen-Kosten-Untersuchung (NKU) geheim“ sei. Kowol verweist auf die Broschüre zur vorläufigen NKU, die detailliert Auskunft gebe – und auch online veröffentlicht sei. Sie ergab im Dezember 2017, dass der volkswirtschaftliche Nutzen die Kosten um 50 Prozent übersteigt, der Nutzen-Kosten-Quotient also bei 1,5 liegt. Doch eine Zuhörerin bezweifelt das, da die Streckenführung seither geändert wurde. Verkehrsdezernent Günter Döring entgegnet, bei der NKU handele es sich um einen vom Bundesverkehrsministerium (BMVI) vorgegebenen, standardisierten Rechenweg. „Wenn das Planfeststellungsverfahren genehmigt ist, müssen wir eine aktuelle NKU beim Bundesverkehrsministerium vorstellen“, sagt er. „Liegt der Quotient dann unter eins, gibt es kein Geld und die Citybahn wird nicht gebaut.“

Kritik äußern die Teilnehmer auch an der Streckenführung, zum Beispiel wegen der Bäume an der Biebricher Allee. Die Strecke verlaufe dort, weil sich nur so der einwohnerstärkste Stadtteil erschließen lasse, sagt Kowol. Die Stadt habe vor zwei Jahren durch Baumsachverständige Wurzelerkundungen machen lassen. Die historische Lindenallee bleibe erhalten, versichert er. Die Bäume in der Mitte – vor allem Platanen – würden gefällt.

Ob es in Zeiten von Homeoffice überhaupt eine Citybahn brauche, fragt ein älterer Zuhörer. „Nur ein Drittel der Fahrten sind laut Verkehrsanalyse Pendlerfahrten“, berichtet Kowol. Homeoffice reduziere sie zwischen zehn und 20 Prozent, trotzdem nehme der Verkehr aufgrund des Wachstums der Stadt weiter zu. „Allein über den Taunuskamm führen täglich 60 000 Fahrten.“

Deshalb stehe er auch hier als „guter Nachbar“, sagt der Verkehrsdezernent des Rheingau-Taunus-Kreises. Bad Schwalbach und Taunusstein brauchen unbedingt eine bessere Anbindung. „In Taunusstein wohnen 30 000 Menschen, wir wollen in Zukunft weitere 10 000 dort ansiedeln.“ Nicht zuletzt wegen der Wohnungsnot in der Landeshauptstadt könne das auch für deren Einwohner interessant sein, wenn es die Citybahn gebe. „Der Bürgerentscheid hat Auswirkungen auf die ganze Region, aber wir dürfen nicht mitabstimmen“, appelliert Döring an den Nachbarschaftssinn der Wiesbadener. Fällt der Bürgerentscheid positiv aus, rechnet Kowol mit einem Baubeginn 2025. „Es ist ein kompliziertes Projekt“, sagt er. „Man muss den Mut haben, weil alle davon profitieren.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare