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Chemiestandort Wiesbaden in Gefahr

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Von: Madeleine Reckmann

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Chemielaborantinnen wie Hassena Panah, die in der Chemiefabrik Kreussler arbeitet, könnten rar werden, so die Befürchtung.
Chemielaborantinnen wie Hassena Panah, die in der Chemiefabrik Kreussler arbeitet, könnten rar werden, so die Befürchtung. © Michael Schick

Das Land will Berufsschulen umstrukturieren. Auszubildende müssten längere Wege in Kauf nehmen. Die Industrie sieht das Vorhaben kritisch.

Die Chemische Fabrik Kreussler in Wiesbaden bildet regelmäßig junge Menschen aus. Alle zwei Jahre stellt das mittelständische Unternehmen, das Wasch- und Reinigungsmittel für Industrie und Gewerbe herstellt, ein oder zwei Auszubildende für den Beruf des Chemielaboranten ein. So sichert die Firma mit 200 Angestellten den eigenen Nachwuchs. „Das funktioniert gut, die Auszubildenden werden in der Regel übernommen“, berichtet Heiko Schmidt, der seit 12 Jahren für die Ausbildung bei Kreussler verantwortlich ist. Für eine gute Ausbildung investiere das Unternehmen viel. Ein Teil der praktischen Ausbildung absolvieren die Azubis im Industriepark Infraserv.

Doch Schmidt macht sich Sorgen, ob es in Zukunft noch funktionieren wird, für den eigenen Personalbedarf auszubilden. Das Land Hessen plant, mit seiner Initiative „Zukunftsfähige Berufsschule“ die Berufsschulstandorte neu auszurichten. Da die Zahl der Auszubildenden kontinuierlich sinkt und die Lehrinhalte immer komplexer werden, sollen die Berufsschulen thematische Schwerpunkte bilden und Auszubildende aus einem größeren Einzugsbereich unterrichten. Mit der Umstrukturierung soll der Fortbestand aller Ausbildungsberufe in Hessen gesichert und eine möglichst betriebsnahe Beschulung ermöglicht werden, versicherte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) bei der Präsentation 2021.

Berufsschulklasse entfällt

Für Wiesbaden könnte das zur Folge haben, dass die Berufsschulklasse für Chemielaborant:innen an der Kerschensteiner Schule entfällt, wenn die Zahl der Schüler:innen, die diesen Beruf ergreifen möchten, weiterhin abnimmt. Die Azubis müssten dann die Paul-Ehrlich-Berufsschule in Frankfurt-Höchst besuchen. Sabine Rückeshäuser, Leiterin der Kerschensteiner Schule zählt für den Jahrgang 2022/23 erst sieben oder acht Anmeldungen. Liegt die Klassenstärke auch in den kommenden Jahren unter der vom Land avisierten Sollstärke (für das kommende Schuljahr 12), stehen die Chancen für den Erhalt einer Chemielaborantenklasse schlecht.

Gleiches gilt für die Friedrich-Ebert-Schule in Wiesbaden. Sie könnte ihre Mechatroniker-Klasse verlieren. Unternehmen aus Wiesbaden sehen in der Berufsschulreform einen „eklatanten Standortnachteil für die Chemiebranche“; so steht es in der kürzlich veröffentlichten Fachkräfteumfrage der Landeshauptstadt. Menschen, die vor der Berufswahl stünden, würden im Zweifelsfall auch den Weg zur Berufsschule in die Entscheidungsfindung einbeziehen, zumal wenn sie schon zum Ausbildungsbetrieb eine längere Anfahrt hätten, heißt es dort. Schließlich handele es sich um Jugendliche. „Ich befürchte, dass sich die jungen Leute dann gleich einen Betrieb in Frankfurt suchen“, sagt Heiko Schmidt, „oder für eine andere Ausbildung entscheiden.“ Das gelte auch für eventuellen Blockunterricht. Nicht nur Kreussler sitzt in Wiesbaden, auch im Industriepark Infraserv siedeln Chemieunternehmen, daneben gibt es das Hessische Landeslabor und den Wasserfilterhersteller Brita in Taunusstein.

Interesse an Lehre sinkt

Infraserv-Ausbildungsleiter Alexander Achatz berichtet, dass es umso schwieriger sei, junge Leute für einen Beruf zu begeistern, je weiter der Weg zur Berufsschule sei. Die Auszubildenden, die Maschinenantriebstechnik lernten, müssten schon jetzt nach Frankfurt in die Schule fahren; die Azubis, die Mechatroniker:in für Kältetechnik werden wollten, nach Gelnhausen. „Wenn im Laufe des Bewerbungsgesprächs klar wird, dass die Schule weit entfernt ist, ist das Interesse schnell weg.“

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