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„Namentliches Gedenken“ – das Mahnmal für die in der NS-Zeit ermordeten Wiesbadener Juden.

Wiesbaden

Wie in einem Sandwich

Jacob Gutmark, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, weist anlässlich der Gedenkfeier am 9. November darauf hin, dass Gefahr heute gleich aus zwei Richtungen droht.

Von Peter H. Eisenhuth

Wenn Jacob Gutmark heute Abend auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge am Michelsberg das „Kaddisch“, eines der wichtigsten Gebete im Judentum, spricht, geht es um die Vergangenheit. Vor 77 Jahren, am 9. November 1938, war dieses Gotteshaus der reformierten Jüdischen Gemeinde in Brand gesetzt und zerstört worden. Die Reichspogromnacht war der Beginn der systematischen Verfolgung der in Deutschland lebenden Juden – an deren Ende auch die Wiesbadener Gemeinde nicht mehr existierte.

„Am 1. September 1942 ging der letzte Transport aus Wiesbaden ins KZ“, erzählt Gutmark. „Im Hof der Orthodoxen Gemeinde mussten sich Juden und Zigeuner, wie man Sinti und Roma damals genannt hat, zur Deportation versammeln. Überlebt haben das Dritte Reich nur zwei Wiesbadener Jüdinnen.“ Die Namen aller ermordeten Juden sind an der Gedenkstätte in der Coulinstraße angebracht.

Doch Gutmark lebt nicht in der Vergangenheit. Die Erinnerung an die Greueltaten der Nazi-Zeit ergebe nur dann einen Sinn, wenn sie auch die Gegenwart im Blick habe. Und die bereitet dem in Palästina geborenen Sohn osteuropäischer Juden, der seit mehr als 30 Jahren an der Spitze der Wiesbadener Jüdischen Gemeinde steht, große Sorgen. „Als lebendige Juden sind wir weniger interessant als die toten Juden“, Das sei nicht ungefährlich.

Und die Gefahr drohe gleich aus zwei Richtungen: Auf der einen Seite werde die rechte Szene immer lebendiger. „Das sieht man bei Pegida-Demonstrationen, das merken wir anhand der anonymen Hetzbriefe, die wir erhalten“, sagt er. Auf der anderen Seite bereitet ihm der Zuzug der Flüchtlinge aus dem arabischen Raum Unbehagen. „Es steht völlig außer Frage, dass wir diesen Menschen helfen müssen.“ Er hoffe nur, dass es gelingt, sie schnell in die Gesellschaft zu integrieren und von westlichen Werten zu überzeugen, sonst könnten die jüdischen Bürger ein Problem bekommen. „Wir fühlen uns wie in einem Sandwich, aber wir wollen nicht aufgefressen werden.“

„Unser Land darf sich nicht verändern“ – diesen aktuellen Satz Charlotte Knoblochs, der ehemaligen Präsidentin des Zentralrates der Juden, quittiert Jacob Gutmark mit einem milden Lächeln. Frau Knobloch habe sich sehr diplomatisch ausgedrückt, sagt er. Die Ängste, die hinter diesem Satz stehen, formuliert Gutmark deutlicher. „Die Medien in der arabischen Welt sind voll von Hetze gegen Juden. Und Syrien hat sich immer besonders hervorgetan. Dort werden Filme gezeigt, in denen Juden Kinder schlachten, um sie zu Matzen zu verarbeiten und noch mehr solcher Schwachsinn. Aber ich fürchte, diese Indoktrination wirkt“, sagt der 77-Jährige. „Man muss es leider so sagen: Die Syrer sind erstklassige Judenhasser. Das haben nicht die Ungarn erfunden.“

Den Jüdischen Gemeinden in Deutschland bleibe jetzt nichts anderes übrig, als „abzuwarten, was sich entwickelt, und die Luft anzuhalten“. 850 Mitglieder zählt die Wiesbadener Gemeinde heute, Tendenz steigend. Eine lebendige, aktive Gemeinde, die auch Geld für israelische Krankenhäuser spendet, in denen schwerverletzte syrische Bürgerkriegsopfer kostenlos behandelt werden, wie Jacob Gutmark erzählt. In der Öffentlichkeit sei das nicht bekannt, denn: „Das Judentum ist keine missionarische Religion. Wenn wir etwas Gutes tun, feiern wir uns nicht dafür.“

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