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Horst Klee (CDU) in seinem Büro im Hessischen Landtag mit dem roten Hessenlöwen. Ob er den mitnimmt, weiß er noch nicht.

Hessischer Landtag

Der letzte Abgeordnete mit Kriegserfahrung geht

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Der Christdemokrat Horst Klee verabschiedet sich nach 25 Jahren im hessischen Landtag nun in den Ruhestand. Der 79-Jährige war der letzte Landtagsabgeordnete, der den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat.

Mit Horst Klee tritt der letzte hessische Landtagsabgeordnete ab, der den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat. Das ist durchaus eine Zäsur. Die Menschen, denen der Schrecken über Bomben und Hunger noch in den Knochen steckt, sitzen nicht mehr an den Schalthebeln. Und nun geht auch Horst Klee. Nach 25 Jahren als Landtagsabgeordneter wird der 79 Jahre alte Christdemokrat mit der Tibetflagge am Revers am 13. Januar sein kleines Büro am Wiesbadener Schlossplatz räumen. Für die neue Legislaturperiode hatte er nicht mehr kandidiert.

Sein Geburtsjahr 1939 ist ihm wichtig. Dass er der letzte Abgeordnete mit Kriegserfahrung sei, ist einer seiner ersten Sätze. So, als wolle er sagen, mit ihm trete nicht nur ein Mann ab, sondern eine ganze Generation.

Frank-Peter Kaufmann von den Grünen sei der Nächstjüngere, aber der sei kurz nach dem Krieg auf die Welt gekommen, erklärt Klee. Seine frühen Erinnerungen könne er nicht mehr teilen: Erinnerungen an das Maisbrot, das er als kleiner Junge zu essen bekam, eine Art Notbrot, an Eltern, die zum „Schrotteln“ in den Rheingau fuhren, um Lebensmittel einzutauschen.

„Die letzten zwei Generationen sind anders, für sie ist die Bedrohung nicht vorhanden und Wohlstand gottgegeben“, stellt Klee fest. Nicht mehr die nationale Sicherheit und der wirtschaftliche Aufbau, sondern „weiche Themen“ wie Umwelt, Energie, Abgase und Plastik stünden auf der politischen Agenda. Klees Hauptinteresse gilt der Innenpolitik, der inneren Sicherheit und dem Sport. Seit 2006 leitet er den Innenausschuss im Landtag. Es hört sich so an, als sei es Zeit zu gehen.

Horst Klee: „Ich habe die Dinge gerne gemacht“ 

Der Egoismus in der Gesellschaft nehme zu, beschwert er sich. In der Politik wachse der Anteil der Politiker, die persönliche Ziele verfolgten. Da tue es ihm gut, wenn einige ihr Bedauern über sein Ausscheiden ausdrückten. „Mit meiner Lebensleistung bin ich zufrieden“, sagt der Wiesbadener, der sich selbst „links der Mitte“ in der CDU verortet, „ich habe die Dinge gerne gemacht, und dann macht man sie gut. Das war eine Chance“.

Klee ist das älteste von vier Kindern; seine Eltern führten in Biebrich ein Parfümerie- und ein Spielwarengeschäft. Der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 ist das erste politische Ereignis, das der Jugendliche aufmerksam verfolgt. Der Ungarnaufstand 1956, der Mauerbau 1961 und der Prager Frühling 1968 prägen sein Bewusstsein. Aber auch die Besetzung Tibets durch China 1959 beeindruckt ihn tief; bis heute erklärt er sich dem zentralasiatischen Hochland gegenüber solidarisch. Die Bedrohung des Warschauer Paktes macht aus ihm einen politischen Menschen und einen Demokraten. Sein Vorbild wird Konrad Adenauer, den er einmal in den Wiesbadener Rhein-Main-Hallen erlebt. Einer von Adenauers Sprüchen hängt an der Wand seines Büros: „Ich bin wie ich bin, die einen kennen mich, die anderen können mich.“ 

Großer Rückhalt als Parteichef der Wiesbadener CDU 

Adenauers Selbstbewusstsein hat Klee gewiss gebrauchen können. Als Gartenbauingenieur führte er von 1969 bis 2003 die Wiesbadener Gartenbauzentrale und verkaufte wie an einer Börse Obst und Gemüse aus der Region, ein nervenzehrender Job, denn der Handel mit den verderblichen Waren sei schwierig gewesen, erinnert er sich. Wie oft habe er etliche Tonnen Frauensteiner Kirschen verkauft, bevor sie gepflückt waren und mit bangem Blick gen Himmel gebetet, es möge nicht regnen. Bis zu seinem Ruhestand bringt er seine Berufstätigkeit mit dem Landtagsmandat unter einen Hut, eine anstrengende Zeit. Mit genauso großer Leidenschaft ist er 25 Jahre Vorsitzender der Wiesbadener CDU, damals noch nicht eine so skandalträchtige Truppe wie heute. „Ich habe die unterschiedlichen Flügel zusammengehalten und mit allen gesprochen“, sagt er, und bei den 13 Wahlen zum Parteichef habe die Zustimmung für ihn nie unter 85 Prozent gelegen. Darauf ist er stolz. Seit 1998 gehört er dem Präsidium der CDU-Hessen an, er ist Alterspräsident des Landtags.

Klee, ein Witwer, ist weit davon entfernt, sich der neuen Zeit zu verweigern. Mit den Grünen in der Landesregierung habe sich die CDU gewandelt, sagt er. Für die Wirtschaft müsse es Grenzen geben, um die Umwelt- und Klimaprobleme zu lösen. „Die CDU muss bei den grünen Themen mitmachen“, sagt er und hört sich fast an wie ein Grüner: „Wir können auf dem Planeten nicht so weitermachen.“ Er ist auch dafür, den Spitzensteuersatz anzuheben und den Solidaritätszuschlag wie versprochen 2019 abzuschaffen. Die soziale Schere müsse sich wieder schließen.

Seinen Ruhestand möchte er mit seiner Lebensgefährtin genießen, in den Rheingau fahren, sich im Fitnessstudio beweglich halten und sich dem Fußballverein Biebrich 02, dessen Vorsitzender er ist, widmen. Die Politik ganz loslassen wird er nicht. Als Ehrenvorsitzender der Wiesbadener CDU gibt es gerade viel zu tun.

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