+
Fürs Kelterhaus packten alle gemeinsam an.

Wiesbaden

Klein und fein

  • schließen

Heßloch ist mit knapp 700 Einwohnern der kleinste Stadtteil Wiesbadens. Der Zusammenhalt ist in dem Quartier riesig. Viele Projekte werden in Eigenregie gestemmt.

Diese Ruhe ist betörend. Ein paar Hühner gackern, vereinzelt fährt ein Auto durch die Straßen Heßlochs, des kleinsten Wiesbadener Stadtteils. Fluglärm? „Ach, die Flieger hören wir kaum“, sagt Burkhard Ohl. Lärm von der Autobahn? „Nein, auch davon bekommen wir nichts mit.“ Laut wird’s lediglich, wenn die Amerikaner in Erbenheim mit Schüssen die Vögel vertreiben. „Dann donnert’s halt mal.“

Burkhard Ohl ist 80 Jahre alt, ein gebürtiger Heßlocher. Seine Großmutter war einst Dorfhebamme, die ihn, seine Frau Gerda und unzählige andere Heßlocher auf die Welt geholt hat. „Zu Hause, wohlgemerkt“, sagt Ohl. Deswegen seien er und seine Frau auch wirklich richtige Heßlocher.

Früher Rivalen, heute Freundschaft

Dem Ehepaar ist anzumerken, dass es seine Heimat liebt. „Das Tolle ist die Gemeinschaft, der Zusammenhalt“, sagt Burkhard Ohl, der da noch nicht weiß, dass einige Bewohner bei einem Spaziergang später ihre Herzlichkeit unter Beweis stellen werden. Das Miteinander sei nicht nur im Ort selbst gut, sondern auch über die Grenzen hinaus. „Früher hat es immer mal Rivalitäten gegeben mit denen aus Kloppenheim, zum Beispiel gab es Streit um die Mädchen“, erzählt der 80-Jährige und schmunzelt. Da seien nicht selten die Fäuste geflogen, auch wenn man sich eigentlich kannte.

„Wir sind zwar eine Kirchengemeinde und wurden mit den Jugendlichen aus Kloppenheim konfirmiert, aber sonst wussten wir nicht viel voneinander“, fügt seine Frau hinzu.

Heute hat sich das Verhältnis zwischen Heßlochern und Kloppenheimern deutlich verbessert. „Da helfen sich beispielsweise die Kerbegesellschaften gegenseitig beim Aufräumen oder beim Thekendienst“, sagt die 75-Jährige. Und mittlerweile werden gar auch Auswärtige in der Kerbegesellschaft integriert: Ohls Enkeltochter aus Erbenheim hat vor einiger Zeit den Vorsitz übernommen. Darüber hinaus gibt es sogar ein Mitglied aus Auringen.

Wer jedoch in dem kleinen Stadtteil nicht nur im Vereinsleben aktiv sein, sondern auch hier leben möchte, der hat es schwer – nicht, weil die Heßlocher zu stoffelig wären, Neubürger zu dulden. „Es gibt hier kaum freie Bauplätze“, sagt Burkhard Ohl. Ab und zu werde eine Scheune abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, aber das komme nicht mehr sehr oft vor.

Das letzte Neubaugebiet wurde Anfang der 1970er-Jahre ausgewiesen. Bis dato hatte Heßloch gerade einmal vier Straßen und 350 Einwohner. Die Bauplätze seien damals eigentlich den Einwohnern und den in Heßloch Beschäftigten vorbehalten gewesen. Doch nur vier Familien aus dem Ort bauten schließlich außerhalb des alten Stadtkerns im Neubaugebiet.

So blieb nichts anderes übrig, als die freien Plätze auch außerhalb des 350-Seelen-Dorfes anzupreisen. Auf diesem Wege kamen einige Auswärtige in den kleinen Ort. Und mit ihnen der Reichtum.

Mit einer Kaufkraft von mehr als 29 500 Euro pro Einwohner liegt Heßloch mit an der Spitze der wohlhabenden Wiesbadener Stadtteile. Lediglich die Sonnenberger haben im Durchschnitt mit rund 33 500 Euro noch mehr Geld pro Kopf zur Verfügung. Doch große Villen sucht man in Heßloch vergebens. „Und wissen Sie was? Hier ist es auch völlig egal, wer viel Geld hat oder keines“, sagt Gerda Ohl.

Auch das ehemalige politische Schwergewicht Manfred Kanther der einst für die CDU Bundesinnenminister war, sei Anfang der 70er-Jahre als Neubürger nach Heßloch gekommen, erzählen Ohls. Doch seine Prominenz habe die Anwohner kaltgelassen. „Das hat man so gut wie nicht gemerkt. Na gut, man hat die Polizeiposten vor seinem Haus gesehen und die Bodyguards.“ Aber aufgeregt habe das niemanden. Man grüße sich, wenn man sich sehe.

Burkhard Ohl geht gerade an einem Haus im Neubaugebiet vorbei, als Reinhold Kosian auf ihn zukommt, die Zaungäste in ein Gespräch verwickelt und sie schließlich in sein Haus führt, vorbei an seinem Plaza Mayor, an dem er gerne Zeit verbringt, zu seinen Weintrauben, die er hegt und pflegt. „Ach, Sie müssen schon wieder weg?“, fragt er enttäuscht. „Ich hätte so gerne noch etwas auf der Orgel gespielt.“

Kosians offene Art ist nur ein Beispiel für die Herzlichkeit der Heßlocher, die Ohls so schätzen. „Alle packen mit an und gestalten gemeinsam.“ So wurde das Kelterhaus in der Ortsmitte fast ausschließlich durch Eigenleistung errichtet, erzählt der 80-Jährige. Ebenso wie die neue Turnhalle des Sportvereins. Und auch der neue Glockenturm der evangelischen Bodelschwingh-Kirchengemeinde habe nur gebaut worden können, weil so manch Heßlocher einmal ganz tief in die Tasche gegriffen habe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare