Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Rund 100 Schilderungen von sexuellen Aufdringlichkeiten hat die Gruppe öffentlich gemacht.
+
Rund 100 Schilderungen von sexuellen Aufdringlichkeiten hat die Gruppe öffentlich gemacht.

Wiesbaden

„Catcalls of Wiesbaden“ macht verbale Belästigung öffentlich

  • VonDiana Unkart
    schließen

Obszöne Gesten, anzügliche Sprüche oder Pfiffe - für viele Mädchen und Frauen gehören sexuelle Aufdringlichkeiten zum Alltag. Die Catcalls-of-Bewegung thematisiert das Problem, auch in Wiesbaden.

Zur Vergewaltigung geht es hier lang.“ Das verstörende Zitat steht mit Kreide auf einem Weg geschrieben. Ein Mann hatte junge Frauen, auf die er zufällig traf, als sie in der Nähe von Wiesbaden wanderten, angesprochen.

Es sind Sätze wie dieser, mit denen zumeist Mädchen und Frauen, häufig auch diverse Personen und solche, die sich dem LGBTQI-Spektrum zugehörig fühlen, belästigt und verängstigt werden. Für diejenigen, die sie aussprechen, bleiben sie in der Regel folgenlos. Für die Betroffenen nicht.

„So unsensible und beängstigende Kommentare gehen einem nicht mehr aus dem Kopf“, schreibt eine der jungen Frauen später der Initiative „Catcalls of Wiesbaden“. Sie ist Teil einer weltweiten Bewegung, die vor allem die sozialen Medien nutzt, aber auch im öffentlichen Raum aktiv ist, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

„Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, dass verbale Belästigung ein alltägliches Problem ist, von dem fast alle Frauen betroffen sind“, sagt Initiatorin Laura Metz. Sie hat die „Catcalls of Wiesbaden“ 2020 ins Leben gerufen und für das kommende Jahr eine ganze Reihe Pläne. Ihre Mitstreiterin Merle Möller will Frauen ermutigen und ihnen zeigen: Ihr seid nicht allein. Im Gegenteil.

Für sexuelle Aufdringlichkeiten ohne Körperkontakt – dazu gehören beispielsweise Hinterherpfeifen, obszöne Gesten, Anhupen oder anzügliche Bemerkungen – hat sich der Begriff Catcalling etabliert. Diese Art der sexuellen Belästigung ist in Deutschland, anders als inzwischen in einigen anderen Ländern, nicht strafbar und weit verbreitet. Laura-Romina Goede und Lena Lehmann vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen haben kürzlich die Ergebnisse ihrer Studie zum Thema Catcalling präsentiert. 3908 Personen – im Durchschnitt 30 Jahre, fast 90 Prozent von ihnen Frauen – sind dafür befragt worden.

Ängstlicher nach Erfahrung

Fast alle hätten in den drei Monaten vor der Befragung erlebt, dass ihr Aussehen bewertet wurde, dass sie angestarrt wurden, berichten die Wissenschaftlerinnen. Mehr als die Hälfte sei wegen des Geschlechts beleidigt worden, sei sexuellen Annäherungsversuchen, sexistischen Sprüchen und anzüglichen Bemerkungen ausgesetzt gewesen. Knapp zwei Drittel hätten sexuell aufgeladene Nachrichten erhalten. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, nach den Catcalling-Erfahrungen ängstlicher geworden zu sein und sich an bestimmten Orten nicht mehr sicher zu fühlen.

Rund 100 sexuelle Belästigungen, die ihnen zugesandt wurden, haben die Mitglieder der Wiesbadener Gruppe, sieben Frauen und ein Mann, inzwischen angekreidet. Sie schreiben sie, wenn möglich, dorthin, wo sie passiert sind. Immer mit Kreide, immer mindestens zu zweit. Erschreckend sei, dass die meisten Einsendungen von Mädchen aus der Altersgruppe 13 bis 16 Jahren stammten, sagt Laura Metz. Für manche Betroffene sei die Erfahrung sehr belastend, dann stellt die Gruppe Kontakte zu Vereinen oder Psycholog:innen her.

Wann ein Kommentar ein Kompliment ist und wann eine sexuelle Belästigung, dafür gibt es eine Faustregel: „Wenn du ihn zu deiner Mutter sagen kannst, ist er ein Kompliment“, sagt Merle Möller. Komplimente hätten die Absicht, Freude zu machen.

Die Aktionen der Gruppe wirken. „Die Reaktionen der Leute sind überwiegend positiv.“ Unterschiede gebe es bei den Altersgruppen. „Junge Frauen finden das, was wir tun, cool.“ Ältere Leute seien eher überrascht. „Das Phänomen gab es in allen Generationen, wir tun was dagegen“, sagt Laura Metz. Das sei aber nur möglich, weil Generationen von Frauen viel Vorarbeit geleistet hätten.

Die Wiesbadener Gruppe ist seit der Gründung gewachsen, hat sich in der Stadt vernetzt und will sich demnächst noch stärker im Bereich Bildungsarbeit engagieren. Das deutschlandweite Netzwerk arbeitet gerade daran, Workshops aufzubauen. Es gibt Initiativen, Catcalling in leichter Sprache zu erklären, weil Menschen mit Beeinträchtigungen sieben- bis achtmal häufiger von Missbrauch und Belästigung betroffen seien. Gemeinsam mit dem Frauenreferat der Stadt wird „Catcalls of Wiesbaden“ im kommenden Jahr eine Ausstellung zum Weltfrauentag konzipieren, die das Thema Catcalling beleuchten soll.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare