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Der Gelenkbus krachte in die Bushaltestelle und rammte dabei Busse und Autos.

Nach Busunglück in Wiesbaden

Mangelnder Respekt: Wut auf filmende Passanten

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Nach dem Busunglück in Wiesbaden mit einem Toten und 22 Verletzten ist das Entsetzen groß. Die Ursache ist weiter unklar.

Am Morgen nach dem schweren Verkehrsunfall am Wiesbadener Hauptbahnhof herrscht Beklemmung auf dem Bahnhofsvorplatz. Passanten, die die Treppe von der Unterführung auf der anderen Straßenseite emporsteigen, drehen sich zuallererst nach der Unfallstelle um. Die Bushaltestelle ist mit Gittern abgesperrt. Mitfühlende Menschen haben Blumen und Kerzen abgelegt.

Eine der Scheiben, die die Sitzbänke der Haltestelle zur Straße optisch abtrennen, fehlt. Daneben liegt Sand, mit dem offenbar Öl oder Treibstoff aufgesaugt wird. Ein Industrieservice-Fahrzeug pumpt etwas aus dem Abwasserkanal, wahrscheinlich Treibstoff, der in großen Mengen aus einem der am Unfall beteiligten Busse ausgelaufen war. Der auf dem ersten Straßenring um die Innenstadt stets starke Verkehr läuft wieder ungehindert. Autos rauschen über die Kreidezeichnungen, die die Position der am Unfall beteiligten Fahrzeuge dokumentieren. Die Busse halten und starten wenige Meter westlich am Beginn des Kaiser-Friedrich-Rings.

Am späten Donnerstagnachmittag war ein Linienbus des Verkehrsdienstleisters Eswe in voller Fahrt von der gegenüberliegenden Bahnhofstraße über die Kreuzung in die Bushaltestelle gerast und hatte zwei Busse und vier Personenwagen gerammt. Der 85 Jahre alte Horst Bundschuh, der an der Haltestelle wartete, wurde zwischen Bus und Haltestelle eingeklemmt und starb später im Krankenhaus. 

Wiesbaden: Auch der Fahrer des Unglücksbusses ist verletzt

Weitere 22 Personen wurden verletzt, darunter drei schwer. Auch der Busfahrer des Unfallbusses gehört zu den Verletzten. Gestern lagen laut Polizei einige von ihnen noch im Krankenhaus. Der 65-jährige Busfahrer aus Wiesbaden hatte laut Polizeimeldung am Bussteig C in der Bahnhofstraße Fahrgäste ein- und aussteigen lassen. Statt dann gemäß Verkehrsführung nach rechts auf den Kaiser-Friedrich-Ring abzubiegen, fuhr er jedoch geradeaus auf das Bahnhofsgebäude zu. Dabei rammte er zunächst drei Autos, deren Fahrer sich leicht verletzten. Der Bus donnerte über den Grünstreifen, wobei ein Nadelbaum abbrach, und rammte dann drei weitere Fahrzeuge, die auf dem Kaiser-Friedrich-Ring stadtauswärts unterwegs waren. Zwei der Fahrer verletzten sich leicht, eine 53-jährige Flörsheimerin schwer.

Danach prallte der Gelenkbus auf einen an der Haltestelle stehenden Linienbus. Durch den Aufprall auf den hinteren Teil des Busses wurde dessen Fahrer schwer verletzt, neun Fahrgäste kamen mit leichten Verletzungen davon. Zum Schluss erfasste der Bus an der Haltestelle noch zwei Fußgänger, den 85-jährigen Bundschuh und eine 33-jährige Wiesbadenerin, die leichte Verletzungen davontrug. Der Gustav-Stresemann-Ring blieb bis nachts um vier Uhr gesperrt.

Die Unfallursache stand gestern Nachmittag noch nicht fest. Einen Anschlag oder eine Amokfahrt haben die Einsatzkräfte bereits am Vorabend ausgeschlossen. Nun müssen Ermittler klären, ob ein technischer Defekt oder menschliches Versagen vorliegt. Helikopter machten am Unfallabend und gestern noch einmal bei Tageslicht Luftaufnahmen. Der Fahrer hatte, wie die Polizei der Hessenschau sagte, weder Alkohol noch Drogen konsumiert.

Die Fahrzeuge wurden zur Untersuchung durch einen externen Gutachter beschlagnahmt. „Die Gutachter lesen die Kameras im Bus aus, die Kameras der Verkehrsüberwachung am Hauptbahnhof und die Fahrtenschreiber der Busse“, sagt Eswe-Sprecher Christian Giesen. Zudem werde der Unglücksbus, ein Mercedes Citaro mit Dieselantrieb, genauestens untersucht. Die Polizei geht von 50 000 Euro Schaden aus.

In den sozialen Netzwerken sorgten Videos mit Aufnahmen verletzter und schreiender Menschen für Entsetzen. Laut Polizei kursierten mehrere Videos, die vor dem Eintreffen der Rettungskräfte aufgenommen wurden. Die Polizei sagte der FR, dass sie um das Löschen der Videos bitte und verweist darauf, dass das Hochladen solcher Filme rechtliche Folgen haben könne. Auch Giesen berichtet, dass Ersthelfer der Eswe Gaffer aufgefordert hätten, Aufnahmen auf ihren Handys zu löschen. OB Gert-Uwe Mende (SPD), der den 80 Rettungskräften und Helfern seinen Dank und der Familie des Getöteten sein Beileid aussprach, zeigte sich empört über den mangelnden Respekt gegenüber den Opfern und Hilfskräften.

Die streikenden hessischen Busfahrer hielten in Frankfurt eine Schweigeminute ab und bestückten die Streiklokale mit Trauerflor, wie Verdi Hessen mitteilt. Es gebe bei ihnen kaum ein anderes Gesprächsthema. Eswe Verkehr strich aus Pietät ein Fahrtraining für Busfahrer.

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