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Biennale-Kurator: „Ich öffne ein Fenster zu einer anderen Welt“

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Von: Andrea Rost

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Biennale-Kurator Kilian Engels vor dem Hessischen Staatstheater in Wiesbaden.
Biennale-Kurator Kilian Engels vor dem Hessischen Staatstheater in Wiesbaden. © Monika Müller

Der künstlerische Leiter der Wiesbaden Biennale, Kilian Engels, spricht im FR-Interview über sein postdigitales Festivalkonzept, das Hessische Staatstheater als perfekten Aufführungsort und Hassmails, die in seinem Postfach landen.

Herr Engels, die Wiesbaden Biennale vor vier Jahren war von ungewöhnlichen Aufführungsorten geprägt – einer heruntergekommen Einkaufspassage zum Beispiel und dem sogenannten Hinterland, wo sozial schwache Familien leben und Migrantinnen und Migranten zu Hause sind. Die von Ihnen kuratierte Biennale 2022 konzentriert sich auf die klassischen Spielstätten des Hessischen Staatstheaters – das große und das kleine Haus und die Wartburg. Warum ist das so?

Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer haben bei der Biennale vor vier Jahren ein riesiges Feuerwerk abgebrannt. Aber das ist lange her, mittlerweile ist viel passiert. Die Black-lives-matter-Bewegung ist entstanden, das Bewusstsein für den Postkolonialismus ist gewachsen. Das muss auch bei einem Festival wie der Biennale Konsequenzen haben. Das Staatstheater ist dafür der perfekte Ort.

Was ist das Besondere am Hessischen Staatstheater?

Es ist Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt des deutschen Kolonialismus und Imperialismus entstanden. Kaiser Wilhelm II. hat es im neobarocken Stil erbauen lassen und es selbst eröffnet. Das gibt es in keiner anderen deutschen Stadt. Es lassen sich aber auch Bezüge zu heute herstellen – zu Populisten, Autokraten und weißen Männern wie Donald Trump, die ihre Macht stabilisieren, indem sie Angst schüren und eh schon marginalisierte Gruppen weiter an den Rand drücken. An diesem Ort ein Programm zu zeigen, das die Vielfalt feiert und Menschen Sichtbarkeit gibt, die sonst auf deutschen Theaterbühnen kaum vorkommen, halte ich für sehr passend.

Durch die Konzentration auf die Theaterräume wird die Biennale allerdings weniger sichtbar in der Stadt. Man muss für alle Aufführungen Eintrittskarten kaufen. Ist das nicht auch ein Rückschritt?

Mag sein, dass einige Menschen Schwellenangst vor dem Gebäude haben, aber das Programm ist unglaublich vielfältig. Wir zeigen in einem Zeitfenster von elf Tagen 17 Produktionen, zwei Uraufführungen und mehrere Erstaufführungen. Es sind preisgekrönte und sehr bekannte Künstler:innen dabei. 2018 standen bei der Wiesbaden Biennale neue, andere Orte im Vordergrund. Bei mir sind es andere Menschen, um die es geht, und der Kontrast zwischen ihnen und dem Ort, an dem sie auftreten.

Klassische Theaterstücke nach einer literarischen Vorlage gibt es bei der diesjährigen Biennale überhaupt nicht zu sehen. Dafür werden neue Formate präsentiert: Performances, Filme, die ganze Bandbreite der digitalen Welt. Ist das die Zukunft des Theaters?

Das Regietheater in Deutschland transformiert klassische Stoffe und passt sie an, sie bleiben aber dennoch häufig homophob und frauenfeindlich. Das ist anachronistisch. Deshalb zeigen wir auf der Biennale keine einzige Inszenierung eines Stücks mit Regisseur und auch kein europäisches Ballett. Wir haben nur Künstler:innen auf der Bühne, die Autor:innen ihrer selbst sind. Und eben zahlreiche Positionen aus dem globalen Süden.

Inhaltlich klingt das von Ihnen kuratierte Programm sehr herausfordernd. In den Ankündigungen ist zum Beispiel von einer „transformativen Beziehung zwischen Transmaskulinen“ die Rede, es geht um Obszönität, um die digitale Kopie von Frauenkörpern, offen gezeigte Nacktheit und die Darstellung sexueller Handlungen im Theaterfoyer. Wollen Sie provozieren?

Die goldene Erdogan-Statue, die bei der Biennale 2018 über Nacht an einem zentralen Platz in der Stadt aufgestellt wurde, war aus meiner Sicht eine Provokation. Da wurde eine Bombe in die türkisch-kurdische Community geworfen, und ganz viele weiße Menschen haben sich diebisch darüber gefreut. Bei der diesjährigen Biennale geht es mir überhaupt nicht um Provokation. Ich versuche traumafrei zu sein, ein Fenster in eine andere Welt zu öffnen und tolle Kunst zu präsentieren.

Wie reagiert das Wiesbadener Theaterpublikum?

Zur Person

Kilian Engels (44), langjähriger Leiter des Münchner Festivals „radikal jung“, Chefdramaturg am Münchner Volkstheater und Leiter der Otto-Falckenberg-Schule in München, ist Kurator der dritten Wiesbaden Biennale 2022.

Nach der Eröffnung am 1. September stehen im Staatstheater Wiesbaden bis 11. September mehr als 50 Veranstaltungen und 17 internationale, transdisziplinäre Produktionen auf dem Programm.

Zu Gast sind Künstler:innen, Filmer:innen, Choreograf:innen, Tänzer:innen und Aktivist:innen unter anderem aus Südafrika, Litauen, den USA, Südkorea, Ruanda, Bulgarien, Griechenland und der Schweiz. aro

www.wiesbaden-biennale.eu

Ich habe schon Hassmails bekommen, in denen man mir vorwirft, ich würde Themen aufgreifen, die längst „durch“ seien. Da manifestiert sich eine Angst in der weißen Mittelschicht, die sich bedroht und nicht repräsentiert fühlt. Das ist übrigens kein Wiesbadener Phänomen, es ist ein weltweites Problem. Die Künstler:innen, die hier auftreten, bestätigen das.

Besteht die Möglichkeit, mit Künstlerinnen und Künstlern in Kontakt zu kommen?

Wir haben hinter dem Theater am Warmen Damm einen Biergarten aufgebaut. Dort gibt es äthiopisches Essen. Der Kiosk ist täglich von 15 bis 24 Uhr geöffnet. Da trifft man immer Biennale-Teilnehmer:innen.

Publikumsgespräche stehen nicht auf dem Programm?

Nein, davon habe ich bewusst Abstand genommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zum Beispiel schwarze Menschen bei solchen Veranstaltungen immer erst über ihr Schwarzsein reden und den rassistischen Blick abräumen müssen. Dem wollte ich sie bei der Biennale nicht aussetzen.

Wie läuft der Kartenverkauf?

Es gibt Vorstellungen, die sind bereits ausverkauft. Für den Eröffnungsabend im großen Haus mussten wir sogar den dritten Rang öffnen. Ich gehe davon aus, dass wir noch eine Menge Tickets verkaufen werden. Nach vier Wochen reinem Onlineverkauf ist jetzt auch die Theaterkasse wieder geöffnet. Alleine an den Besucherzahlen würde ich den Erfolg der Biennale allerdings ohnehin nicht messen.

Was wollen Sie mit der Wiesbaden Biennale 2022 erreichen?

Sie soll Menschen neugierig auf Neues machen und einen Perspektivwechsel ermöglichen. Und sie soll ein Festival sein, das Wilhelm II., Donald Trump oder Wladimir Putin nicht aushalten würden. Sie sollten es hassen. Das ist meine Agenda.

Interview: Andrea Rost

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