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Beschwerliches Leben: Dieser Anzug simuliert das Alter.

Altenpflege

Pfleger dringend gesucht

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Die Evangelische Altenpflegeschule in Wiesbaden lockt mit einem Tag der offenen Tür künftige Auszubildende. Zu wenig junge Leute entscheiden sich für den Beruf des Altenpflegers. Die schlechte Bezahlung ist einer der Gründe, warum sie es nicht tun.

Nur mit Mühe lässt sich der Arm heben, das rechte Bein hinkt dem linken hilflos hinterher. Eine abgeklebte Brille sorgt für ein verschmiertes Bild der Realität. Steckt man im Alterssimulationsanzug, bekommt man einen Eindruck davon, wie es sich anfühlen muss, wenn man nicht mehr so kann, wie man will.

Lucas Green und Valdrine Maliqi lächeln ob der ungelenken Gehversuche des Journalisten. Dann schauen sie wieder ernst und erklären das ungewöhnliche Kleidungsstück. Sie haben die Taschen eines Overalls mit Sand gefüllt, um ihre Arbeit als auszubildende Altenpfleger zu veranschaulichen. Dafür hatte die Evangelische Altenpflegeschule der Mission Leben am Mittwoch zum Tag der offenen Tür geladen.

„Dieser Beruf ist Balsam für die Seele“, versucht sich Green mit einer Erklärung dafür, warum er sich 2011 für die dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger entschieden hat. Maliqi stimmt ihm zu: „Es ist ein schönes Gefühl, wenn man es zum Beispiel schafft, dass sich ein alter Mensch wieder mehr bewegt“. Zustimmendes Nicken auch bei Ausbildungskollegin Susanne Rößler: „Man erfährt einfach sehr viel Dankbarkeit.“

34.000 Stellen bis 2030 zu besetzen

Dennoch fehlen allerorten Altenpfleger. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung steigt der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften alleine in Hessen bis 2030 um 34.000 Stellen. „Der Bedarf steigt, aber die Anmeldungszahlen nicht“, beschwert sich Ingo Planitz, Team- und Kursleiter der Evangelischen Altenpflegeschule. Momentan befinden sich dort rund 80 junge Leute in Ausbildung. „Wir würden gerne über 100 ausbilden“, so Planitz.

Melanie Walper glaubt zu wissen, warum sich nicht genügend Menschen für den Beruf interessieren: „Das Bild, was von der Altenpflege herrscht, ist viel zu negativ“, so die Auszubildende. Schließlich würde man „nicht nur Hintern abwischen“, sondern ganze Pflegeprozeduren planen, mit Ärzten zusammenarbeiten sowie Sterbende sensibel auf ihrem letzten Lebensweg begleiten. Und manchmal habe man schon mit kleinen Kniffen Erfolg: Wenn alte Menschen etwa Abendbrot in kleinen Portionen selbst mit den Fingern essen könnten, steigere das in der Regel ihr Selbstwertgefühl und die Motivation zu essen.

Auch Ingo Planitz fallen Gründe für den Mangel an Interessenten ein: „Es gibt keine adäquate Bezahlung, und die Gefahr ist groß, als Einzelkämpfer richtig malochen zu müssen. Der Beruf muss attraktiver werden.“ Wenn etwa in einem Altenheim mit 30 Bewohnern eine von drei Pflegekräften ausfalle, nehme der Beruf sehr schnell stressige Züge an. Auch die benötigte Ruhe, um im Team Pflegepläne zu erstellen, sei dann kaum noch gegeben.

Dass es in der Altenpflege stressig zugeht, kann man auch an den Zahlen erkennen: So ist es Planitz zufolge keine Seltenheit, wenn von 25 Auszubildenden im Lehrjahr ein Drittel wieder das Handtuch werfe.

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