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Provenienzforscherin Miriam Merz und die Skizze „Mutter mit Kind“ von Max Liebermann aus dem Jahr 1917.
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Provenienzforscherin Miriam Merz und die Skizze „Mutter mit Kind“ von Max Liebermann aus dem Jahr 1917.

Wiesbaden

„Beitrag zur Erinnerungsarbeit“

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Provenienzforscherin Miriam Merz über Max Liebermann und neue Dimensionen eines Werks.

Die Kunsthistorikerin Miriam Merz hat für den Tag der Provenienzforschung ein Video über ihre Arbeit an einer Zeichnung von Max Liebermann vorbereitet.

Frau Merz, was hat es mit dieser Zeichnung auf sich?

Ich habe in den vergangenen Wochen daran gearbeitet und sie ist ein gutes Beispiel dafür, was zum Besitzerwechsel zwischen 1933 und 1945 zu klären ist. Es treten dabei Details und Informationen zu Tage, die eine neue Dimension des Kunstwerks eröffnen.

Das müssen Sie erklären.

Das betrifft die Biografie des Objekts. Wenn ich erfahre, in wessen Händen das Objekt war, erfahre ich, wer damit beschäftigt war, wer es gekauft oder verkauft hat und andere Dinge. Provenienzforschung kann die Voraussetzung für faire und gerechte Lösungen und Klarheit schaffen. Ich versuche alles Mögliche zusammenzutragen, um zu belegen, was mit dem Werk zwischen 1933 und 1945 passiert ist. Das ist ein Beitrag zur Erinnerungsarbeit.

Und wie ist das im Fall dieser Zeichnung?

Durch eine Notiz auf dem Passepartout ist bekannt, dass Liebermann diese Zeichnung 1917 der Fotografin Minya Diez-Dührkoop als Dank für ein Porträtfoto schenkte. Er greift dort die Motive einer stillenden Mutter und eines pflügenden Bauern auf, die er 1898 für einen Jahreszeitenzyklus für das Rathaus Altona entworfen hatte. Innerhalb des überlieferten Werks von Minya Diez-Dührkoop spielt das Thema Mutter und Kind eine besondere Rolle – ich vermute, dass sie deshalb genau dieses Blatt ausgesucht hatte.

Haben Sie Hinweise, wo das Werk in der NS-Zeit war?

Nein, die haben wir nicht. Die Zeichnung kam 1980 in einem Konvolut mehrerer Werke als Schenkung eines Ehepaars ins Wiesbadener Landesmuseum. Bei zwei Werken davon konnte ein NS-verfolgungsbedingter Entzug festgestellt werden, und es kam nach einer Rückgabe zu einem Ankauf. Für diese Zeichnung fehlen aber die Beweise, seit wann sie sich im Besitz des Ehepaares befunden hatte. 1929 starb Diez-Dührkoop. Ich weiß weder, ob die Zeichnung bis zu ihrem Tod in ihrem Besitz noch wo sie danach war. Die Zeichnung ist in keinem Auktionskatalog nachweisbar.

Da kommt Provenienzforschung an ihre Grenzen.

Wir können nicht in jedem Fall belegen, wo ein Werk von 1933 bis 1945 war. Wir sprechen dann von der Provenienzlücke. Aber wir können Transparenz herstellen und unsere Rechercheergebnisse der Öffentlichkeit vorstellen. Auch deshalb gibt es den Tag der Provenienzforschung. Vielleicht meldet sich ja jemand auf Ihren Artikel, der mehr zu der Zeichnung weiß.

Untersuchen Sie jedes Werk aus dieser Zeit?

Angefangen haben wir mit den Kunstwerken, die bis 1945 unter Hermann Voss, früherer Museumsdirektor der Städtischen Kunstsammlung am Nassauischen Landesmuseum, wie das Museum damals hieß, ins Haus kamen. Voss war Hitlers Sonderbeauftragter für das Führermuseum in Linz und eng mit Hitler verbunden. Diese rund 200 Gemälde haben wir weitgehend abgearbeitet. Ich muss relativieren: Man kommt oft nur bis zu einem gewissen Punkt. In etwa 70 Prozent der Fälle konnte die Herkunft während der NS-Zeit nicht eindeutig geklärt werden. Hier können sich aber jederzeit neue Erkenntnisse ergeben. Wenn Personen in den Verkauf verwickelt waren, von denen bekannt ist, dass sie am NS-Kulturgutraub beteiligt waren, brauche ich Quellen wie Auktionskataloge oder Nachlässe von Kunsthändlern. Die gibt es aber nicht immer. Zu den Ankäufen im Wiesbadener Museum sind für die Jahre 1933 bis 1945 viele Unterlagen überliefert.

Ist das nicht unbefriedigend?

Nein, das ist es nicht. Es stellen sich Bezüge zum historischen Kontext dar. Es ist faszinierend, welche Erkenntnisse sich über ein kleines Objekt herausfinden lassen. Diez-Dührkoop etwa war eine interessante Persönlichkeit, sie war passives Mitglied der Künstlergruppe „Die Brücke“ und Gründungsmitglied der Gesellschaft deutscher Lichtbildner. Sie sammelte zeitgenössische Kunst und war in Kontakt mit Schmidt-Rottluff, Franz Radziwill und Max Pechstein.

Dass Liebermann ihr die Zeichnung schenkte, zeigt ihre freundschaftliche Verbundenheit.

Heute würden wir netzwerken sagen. Leider habe ich über ihren Nachlass nichts herausbekommen. Ein Porträtfoto von Liebermann von 1910 ist erhalten, aber das von 1917 nicht. Die Forschungsergebnisse verwenden wir auch bei den Führungen. Die Menschen interessieren sich für diese zusätzliche Dimension. Bei einem Werk von einem Künstler wie Liebermann, über den es viel Forschung gibt, ist es leichter, zu Ergebnissen zu kommen.

Interview: Madeleine Reckmann

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