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Beistand und Trost für Muslime

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Guelbahar Erdem, Vorsitzende des Vereins Muse, kennt die Sorgen ihrer Gegenüber.
Guelbahar Erdem, Vorsitzende des Vereins Muse, kennt die Sorgen ihrer Gegenüber. © Martin Weis

Das Seelsorge-Modellprojekt für Muslime in Wiesbaden ist einzigartig. Noch im vergangenen Jahr kämpfte es um sein Fortbestehen, jetzt ist das Projekt ein Verein und gesichert.

Von Jana Kinne

Das Seelsorge-Modellprojekt für Muslime in Wiesbaden ist einzigartig. Noch im vergangenen Jahr kämpfte es um sein Fortbestehen, jetzt ist das Projekt ein Verein und gesichert.

Mehr als 3000 Gespräche haben die 24 Männer und Frauen, die sich bei der muslimischen Seelsorge „Muse“ engagieren, seit 2008 geführt. Sie haben geredet, gebetet und zugehört – ganz ähnlich wie es auch christliche Seelsorger tun. Und doch hat das, was die Muse-Mitarbeiter in Wiesbaden auf die Beine gestellt haben, Modellcharakter: „Die muslimische Seelsorge in derart institutionalisierter Form ist bisher in Deutschland einzigartig“, sagt Gülbahar Erdem, Mitbegründerin von Muse und frisch gewählte Vereinsvorsitzende.

Überhaupt sei das Konzept der muslimischen Seelsorge relativ neu: „In muslimisch geprägten Ländern gibt es so etwas nicht“, sagt Erdem. Dort würden die Familien die Betreuung von Kranken und Sterbenden übernehmen. Doch durch individualisierte Lebensformen und weniger enge Familienbande in Folge der Migration sei auch unter Muslimen der Bedarf nach Seelsorge groß.

Gebet auf Wunsch

Laut Statistikamt sind elf Prozent der Wiesbadener Bevölkerung Muslime. „In Zukunft werden durch die demografische Entwicklung immer mehr Muslime in Wiesbadener Einrichtungen untergebracht sein“, prognostiziert Gülbahar Erdem. Deren Versorgung wolle Muse gewährleisten.

Die Seelsorge, die von 2008 bis 2011 vom Europäischen Integrationsfonds und der Stadt Wiesbaden gefördert wurde, musste in den vergangenen Jahren um ihre Existenz kämpfen. Nachdem die Finanzierung für das Projekt 2011 ausgelaufen war, bangten Erdem und ihre Mitstreiter um die Zukunft der Initiative. Doch das Kompetenzzentrum Muslimischer Frauen und die Stadt gaben Unterstützung, sodass das Projekt nun als eigenständiger Verein fortbestehen kann. Zumindest für die nächsten zwei Jahre ist somit die muslimische Seelsorge in Wiesbaden gesichert, 60.000 Euro hat die Stadt Muse für diesen Zeitraum zugesichert.

Psychosoziale und spirituelle Versorgung sind nach Eigendefinition die Aufgaben von Muse. „Wir konzentrieren uns auf die Seelsorge in Krankenhäusern und Einrichtungen“, erklärt Erdem. So sind die Seelsorger von Muse in den Horst-Schmidt-Kliniken und in anderen Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeheimen unterwegs, um dort mit Patienten und ihren Angehörigen zu sprechen und ihnen bei Krankheit oder drohendem Tod Trost zu spenden. „Unsere Arbeit richtet sich danach, was die Patienten wünschen“, erklärt Gülbahar Erdem. So könnten Gebet und Religion zentraler Bestandteil der Seelsorge sein, müssten aber nicht.

Die 24 ehrenamtlichen Seelsorger von Muse haben eine umfangreiche Ausbildung hinter sich: Neun Monate lang wurden sie insgesamt 140 Stunden geschult: Auf dem Stundenplan standen Gesprächsführung, Pädagogik, Psychologie, aber auch Islamkunde. Eine profunde Kenntnis des muslimischen Glaubens ist laut Erdem neben zwischenmenschlichen Kompetenzen Voraussetzung für die Tätigkeit.

Das Seelsorgerteam, das unterschiedliche Nationalitäten und muslimische Glaubensrichtungen vereint, spricht neben Deutsch zehn Sprachen. Fünfzig Prozent der Gespräche werden in der Muttersprache der Klienten geführt. „Unser Angebot erreicht Menschen, die sonst keine Beratungsstelle aufsuchen würden“, sagt Erdem. Es sei von Migranten für Migranten gestaltet und so sei die Hemmschwelle geringer, sich an die Seelsorger von Muse zu wenden. Diesen Vertrauensvorschuss würden die Berater auch nutzen, um Migranten mit anderen Beratungsangeboten in der Stadt vertraut zu machen. „Schon oft haben wir an Wildwasser oder die Drogenberatung verwiesen“, sagt die studierte Islamwissenschaftlerin Erdem.

Gerne würde die Vereinsvorsitzende die Beratung von Muse in den nächsten Jahren ausweiten: „Notfallseelsorge oder Besuche der Justizvollzugsanstalt sind Themen, die wir in Angriff nehmen wollen“, sagt sie. Dafür und für die steigende Nachfrage in den Kliniken sei es notwendig, noch mehr Seelsorger auszubilden. „Ich hoffe, dass wir Förderer finden, die das langfristig unterstützen“, sagt die Vorsitzende.

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