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Awo Wiesbaden: Die Sanierer sind stolz auf den Erfolg und enttäuscht von der Politik

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Von: Madeleine Reckmann

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Haben die Awo Wiesbaden aus dem Dreck gezogen: Franz Betz (links) und Wolfgang Hessenauer.
Haben die Awo Wiesbaden aus dem Dreck gezogen: Franz Betz (links) und Wolfgang Hessenauer. © Rolf Oeser

Wolfgang Hessenauer und Franz Betz haben die Wiesbadener Arbeiterwohlfahrt vor dem Kollaps bewahrt. Aber ihre Arbeit werde ihnen nicht gedankt, sagen sie.

Kürzlich hat die Wiesbadener Arbeiterwohlfahrt (Awo) ihre Büros von einem schlossartigen Gebäude im Nerotal in ein Funktionsgebäude im Stadtteil Erbenheim verlegt. Der Umzug spart dem Sozialverband 40 Prozent des alten Mietpreises. „Das steht für das neue Selbstverständnis“, sagt Vorstandsvorsitzender Franz Betz. Die Verschwendung, die den früheren Vorstand mit Hannelore Richter an der Spitze auszeichnete, sei durch Bescheidenheit abgelöst worden. Die 30 Dienstautos der Mittel- und Oberklasse, die es zu Richters Zeiten für einige Angestellte gab, seien abgeschafft worden. Stattdessen steht Mitarbeiter:innen wie Hausmeister:innen ein Fahrzeugpool mit sechs Wagen der unteren Mittelklasse zur Verfügung.

Immer größere Machenschaften kommen ans Licht

Hessenauer und Betz arbeiten seit Januar 2020 daran, die Skandale der Awo Wiesbaden um überhöhte Gehälter, dicke Dienstwagen und Sondergratifikationen aufzuklären und den Kreisverband wirtschaftlich auf solide Füße zu stellen. Ehrenamtlich wohlgemerkt. Hessenauer als Vorstandsvorsitzender, Betz als Stellvertreter. Täglich, so berichten sie, hätten sie sich im Büro getroffen, um Akten zu studieren und Strategien festzulegen - eine Kraftanstrengung. Immer größere Machenschaften wie Scheinarbeitsverhältnisse in ungeahntem Ausmaß kamen ans Licht. Die Folge: Insolvenz, Verkauf der Awo-Liegenschaften, Verlust des Awo-Vermögens von 27 Millionen Euro. Betz und Hessenauer gehen davon aus, dass die Verfehlungen der früheren Verantwortlichen dem Sozialverband einen Schaden von 20 bis 40 Millionen Euro zufügten.

Franz Betz möchte den Kreisverband ohne Altlasten übergeben

Im September hat Hessenauer, der nun 80 Jahre alt wird, sein Amt niedergelegt. Der 72 Jahre alte Betz ist zum Vorsitzenden aufgerückt. Dieses Amt möchte er mindestens bis Januar 2023 ausfüllen, um dem neuen Vorstand die Geschäfte „ohne Altlasten“ zu übergeben. Im Januar wollen sich Evelyn Pflugradt und Christa Enders zur Wahl stellen.

Bald arbeiten alle Einrichtungen kostendeckend

Fragt man die beiden Männer danach, wie sie sich nach zwei Jahren und neun Monaten Aufräumarbeit fühlen, fallen Worte wie Stolz und Freude. „Der Turn-around ist geschafft, die Awo steht gut und sauber da“, betont Hessenauer. Die neun Kindertagesstätten und zwei Altenheime seien in der Insolvenz gerettet worden. Wenn im Sommer 2023 das Robert-Krekel-Altenheim umgebaut sein werde und zusätzlich zu den 88 Altenpflegeplätze 28 dazukommen, werde auch die letzte Einrichtung kostendeckend arbeiten. Niemand habe entlassen werden müssen. Aber in die Erleichterung über den Erfolg mischt sich Bitterkeit. „Ich hätte erwartet, dass sich die Landeshauptstadt diesem Aspekt mehr widmet“, gibt er gekränkt zu. Immerhin handele es sich um ein Unternehmen wie ein mittelständischer Betrieb mit 20 Millionen Euro Jahresumsatz und 460 Arbeitsplätzen.

„Manjura nur eine Randnotiz“

„Im Kopf hat der Vorstandswechsel nicht stattgefunden“, erklärt Betz, „es wird nicht getrennt zwischen denen, die die Suppe einbrockten, und denen, die sie auslöffeln.“ Zudem interessierten sich die Stadtverordneten nicht für die wirtschaftlichen Erfolge, sondern nur dafür, welche Schuld SPD-Sozialdezernent Christoph Manjura haben könnte. Dabei sei Manjura in den „ungeheuerlichen Skandalen nur eine kleine Randnotiz“.

Der Awo-Skandal

Die seit 2019 erhobenen Vorwürfe gegen die Wiesbadener und Frankfurter Kreisverbände der Arbeiterwohlfahrt betreffen überhöhte Gehälter, teure Dienstwagen und Vergünstigungen. Später werden die Vorwürfe ausgeweitet - auf ein Netz von Scheinarbeitsverhältnissen.

Seit der Insolvenz wurden und werden etwa 50 Ansprüche wie Scheinarbeitsverhältnisse oder an AWO-Mitarbeiter erteilte Darlehen vor Gericht geltend gemacht.

Die Awo-Wiesbaden verklagt den früheren AWO-Geschäftsführer Murat Burcu auf Schadensersatz. Sie fordert 20 Millionen Euro vor dem Arbeitsgericht Wiesbaden zurück.

Die frühere Vorstandsvorsitzende Hannelore Richter klagt vor dem Arbeitsgericht Wiesbaden gegen ihre 2020 ausgesprochene Kündigung und verlangt Schadensersatz.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen Hannelore Richter, ihren Mann Jürgen Richter, Geschäftsführer des Frankfurter AWO-Kreisverbands, und andere Führungspersonen wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue.

In der Tat beäugen vor allem die Oppositionsfraktionen im Rathaus - CDU, FDP und Freie Wähler/Pro Auto - die neue Führung mit Argwohn und unterstellen, sie würden deren Fragen, die Manjura betreffen, nicht beantworten. Manjura ist ein heikler Punkt für Wiesbadens Politik. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte kürzlich Anklage gegen ihn wegen des Verdachts der Beihilfe zur Untreue erhoben. Jetzt wird darauf gewartet, dass das Gericht Anklage erhebt. Dann möchte die SPD entscheiden, ob Manjura im Amt bleibt. Ihm wird vorgeworfen, in seiner Zeit als Stadtverordneter als Referent Richters Geld ohne Gegenleistung erhalten zu haben. Warum die Vorstände den Umstand nicht benannten, bevor der Generalstaatsanwalt ermittelte? „Es stimmt nicht, dass wir etwas unter den Teppich kehren“, verteidigt sich Betz, warum er und Hessenauer in dem Fall nicht von Scheinselbstständigkeit ausgingen. „Die Generalstaatsanwaltschaft legt andere Kriterien an einen Arbeitsvertrag an als wir“, so Hessenauer. „Wir haben arbeitsrechtlich zu urteilen und nicht strafrechtlich.“ Arbeitgeber von Manjuras Nebenjob, der von der Staatsanwaltschaft ebenfalls als Scheinarbeit eingestuft wird, sei der Verein der Freunde des Robert-Krekel-Hauses. „Wir sind nicht berechtigt, in dessen Namen Forderungen zu stellen“, sagt Betz. Das alles möchten die beiden dem Revisionsausschuss, der wiederholt die Awo-Verantwortlichen kritisiert, erklären.

Auch gegen Franz Betz wird ermittelt

Insbesondere Betz erfährt Missbilligung. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt auch gegen ihn: wegen des Verdachts der Anstiftung zur Verletzung von Dienstgeheimnissen. Manjura soll Betz vertrauliche Unterlagen geschickt haben, als die Awo in der Insolvenz mit der Stadt in Verkaufsverhandlungen über ihre Grundstücke stand. Wegen der laufenden Ermittlungen möchte sich Betz nicht äußern.

Auch von der Verwaltung wünschen sich beide, wie ein „normaler Vertragspartner“ behandelt zu werden. „Wir wünschen uns einen anderen Umgangston“, sagt Hessenauer. Seine Enttäuschung betrifft auch das Verhalten der Wiesbadener Sozialdemokraten. Sie gingen aus Angst, in die Skandale hineingezogen zu werden, auf Distanz, behauptet er. Dabei bräuchte die Awo, „das Kind der Arbeiterbewegung“, doch Unterstützung.

„Immer kooperiert“

Dass sie mit den Finanzämtern, der Staatsanwaltschaft, den Arbeitsgerichten kooperierten und alle geforderten Unterlagen herausgaben, würden sie immer wieder bestätigt bekommen, erzählt Hessenauer. Auch der Awo-Bundesverband habe den Laden auf den Kopf gestellt. Die neuen Vorstandsvorsitzenden jedenfalls bräuchten sich im neuen Jahr nicht täglich zu treffen. Unangenehme Überraschungen, so versichert er, gebe es nicht mehr.

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