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Awo Wiesbaden als Familienbetrieb

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Von: Madeleine Reckmann

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Der Awo-Schriftzug am Altenpflegezentrum Robert-Krekel-Haus.
Der Awo-Schriftzug am Altenpflegezentrum Robert-Krekel-Haus. © Michael Schick

Schwiegertochter der früheren Geschäftsführerin Hannelore Richter muss Darlehen zurückzahlen. Außer ihr arbeiten noch weitere Verwandte bei dem krisengeschüttelten Sozialverband.

Verglichen mit der Rückzahlung der dreiviertel Million Euro, zu der die frühere Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Wiesbaden, Hannelore Richter, kürzlich verurteilt wurde, sind die 37 000 Euro, die ihre Schwiegertochter zahlen muss, ein Klacks. Das Arbeitsgericht Wiesbaden hat die Schwiegertochter am Mittwoch zur Rückzahlung zweier Darlehen an den Insolvenzverwalter verdonnert.

Sie habe über die reguläre Arbeitsvergütung hinaus von ihrem Arbeitgeber im Oktober 2015 25 000 Euro und im November 2019 12 000 Euro als Darlehen erhalten und nicht getilgt, ist das Gericht überzeugt. Bei der AWO Wiesbaden war es üblich, Darlehen an Mitarbeiter auszugeben, die diese laut Rechtsanwalt Bernhard Lorenz mit Minijobs auslösen sollten. Lorenz vertritt neben Hannelore Richter und ihrer Schwiegertochter auch andere Personen in dem umfangreichen AWO-Komplex. Seit 2019 stehen die Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden wegen zu hoher Gehälter und lukrativer Nebenjobs ohne Gegenleistung in der Kritik.

Die Schwiegertochter ist laut Lorenz Erzieherin und Fachkraft für Krippenbetreuung und bei der AWO beschäftigt. Das erste Darlehen sei ihr gewährt worden, als sie in einem Minijob ihren Mann bei der Erstellung digitaler Spiele für die Seniorenarbeit im Wiesbadener Altenpflegezentrum Robert-Krekel-Haus unterstützte. Der Minijob sei jedoch beim Förderverein der Freunde des Robert-Krekel-Hauses angesiedelt gewesen, der später aufgelöst wurde, und nicht bei der AWO. Daher könne das Geld vom Insolvenzverwalter nicht zurückgefordert werden. Über das zweite Darlehen sei ihm nichts bekannt, sagte Lorenz vor Gericht.

Der Sachverwalter Jan Markus Plathner hatte im inzwischen beendeten Insolvenzverfahren über das Wiesbadener AWO-Vermögen eine Kanzlei beauftragt, haftungsrelevante Sachverhalte ausfindig zu machen. Ansprüche im Hinblick auf „Scheinarbeitsverhältnisse“ oder eben die Darlehen wurden, sofern gerichtsfest durchsetzbar, geltend gemacht, teilt Plathner auf Anfrage mit.

Beim Wiesbadener Arbeitsgericht ist der Fall der Schwiegertochter der letzte einer Reihe von Verfahren, in denen von der AWO zu viel gezahltes Geld zurückverlangt wird. Ob das Geld fließen wird, ist fraglich. Rechtsanwalt Lorenz kündigt in den von ihm betrauten Fällen Berufung an. Neben den Arbeitsgerichtsverfahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Frankfurt gegen Hannelore Richter, ihren Mann Jürgen Richter (früherer Vorsitzender des Frankfurter Kreisverbands) und weitere Verantwortliche wegen Untreue und Betrugs.

Der Fall der Schwiegertochter zeigt auch, dass bei der AWO zahlreiche Familienangehörige der Richters beschäftigt waren oder sind. Es ist nicht nur so, dass der Geschäftsführer der AWO Frankfurt, Jürgen Richter, ehrenamtlich stellvertretender Vorsitzender der AWO Wiesbaden war und seine Frau Hannelore Richter zu kontrollieren hatte, die Geschäftsführerin der AWO Wiesbaden und wiederum Sonderbeauftragte in Frankfurt war. Ihr Sohn Gereon Richter wurde zudem nach seiner Mutter Geschäftsführer in Wiesbaden.

Wie Lorenz mitteilt, habe auch die Mutter von Jürgen Richter als Fachpflegekraft im Robert-Krekel-Haus gearbeitet. Als Rentnerin habe sie später zunächst ehrenamtlich und dann geringfügig vergütet die Ausgabe der Pflegemittel verantwortet. Der Bruder von Jürgen Richter habe abendliche Kontrollgänge am Wiesbadener Pflegezentrum Konrad-Arndt-Haus übernommen. Der Neffe sei früher als Betriebswirt hauptamtlich in der Buchhaltung tätig gewesen und habe später im Rahmen eines Minijobs gleichartige Aufgaben getätigt, so Lorenz weiter. Der Bruder von Hannelore Richter sei als Sozialpädagoge im Kreisverband Wiesbaden tätig und die Schwägerin habe Telefondienst für Hannelore Richter und Büroarbeiten verrichtet.

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