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Die Aufarbeitung der Vergangenheit könnte noch weitere Überraschungen bei der AWO zutage fördern.
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Die Aufarbeitung der Vergangenheit könnte noch weitere Überraschungen bei der AWO zutage fördern.

AWO-Affäre

„Zehn Jahre Managagementfehler bei der AWO Wiesbaden“

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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  • Diana Unkart
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Zwei Fachleute sprechen im Interview zur AWO-Affäre in Wiesbaden über Wege aus der Insolvenz, Entschädigungszahlungen - und feuchtes Durchwischen.

Nach turbulenten Monaten für den Wiesbadener Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die schließlich in einer Insolvenz mündeten, sehen der vom Gericht bestellte Sachwalter Jan Markus Plathner und der Insolvenzrechtler Rainer Eckert, der den AWO-Vorstand berät, Hoffnung für den Kreisverband. Gleichwohl könnte die Aufarbeitung der Vergangenheit noch weitere Überraschungen zutage fördern.

Herr Plathner, Herr Eckert, Sie prüfen die wirtschaftliche Lage des AWO-Kreisverbands und sondieren die Möglichkeiten auf dem Markt. Wie stellt sich die Lage für Sie dar?

Rainer Eckert, 57, ist als Sanierungsexperte, Eigenverwalter, Sachwalter und Insolvenzverwalter tätig.

Eckert: Unsere Aufgabe qua Amt ist es, das Verfahren so zu organisieren, dass es nicht zum Nachteil für die Gläubiger:innen ausgeht. Deswegen prüfen wir verschiedene Möglichkeiten und führen Gespräche. Rund um den 1. Februar werden die Sondierungen weitgehend abgeschlossen sein.

Mit wem sprechen Sie? Wer hat Interesse an den Einrichtungen der Wiesbadener AWO?

Eckert: Bei Sondierungsgesprächen wird wechselseitig Vertraulichkeit zugesichert. Ich darf aber sagen: Es gibt ernsthafte Interessenten, darunter verschiedene am Markt tätige Träger wie bekannte bundesweit tätige soziale Einrichtungen. Im vergangenen Jahr ist es uns in einem anderen Fall gelungen, einen Kreditgeber für einen Betreiber von Kliniken und Altenpflegeheimen zu finden. Das könnte auch ein möglicher Ausgang in diesem Verfahren sein. Denkbar sind unterschiedliche – auch hybride – Lösungen. Dass die Stadt Wiesbaden einspringt, ist aus unserer Sicht nicht ausgeschlossen.

Jan Markus Plathner, 50, ist als Sanierungsexperte, Sachwalter und Insolvenzverwalter in Frankfurt tätig.

Verkauf ist auch eine Option?

Plathner: Unser Ziel ist es, den Betrieb zu sanieren; ich bin optimistisch, dass das gelingt. Aber wir schließen nichts aus.

Es geht um den Verkauf der Pflegeheime, Kitas und den der Grundstücke?

Plathner: Ja, auch den der Grundstücke, da dies als Betriebsvermögen für die Fortführung wichtig ist, wo das möglich ist.

Eckert: Wir wissen jetzt, dass der Geschäftsbetrieb zukünftig kostendeckend zu führen sein wird. Das ist eine wichtige Nachricht. Aber es ist nicht so, dass der Betrieb viel erwirtschaftet.

Plathner: Parallel zu den Sanierungsbemühungen müssen wir Vergangenheitsbewältigung betreiben und gewissermaßen „feucht durchwischen“, um bestimmte Geschäftsvorfälle der Schuldnerin rechtlich zu bewerten. Wir können derzeit keine Aussage darüber treffen, ob strafrechtlich relevante Vorgänge betroffen sind. Dies ist die Aufgabe der Strafverfolgungsbehörden. Der Gläubigerausschuss hätte aber nie dem eigenverwalteten Insolvenzverfahren zugestimmt, wenn er nicht das Gefühl hätte, dass die Vergangenheit aufgearbeitet wird. Wir prüfen jeden Geschäftsvorfall nach Haftungsrelevanz. Das macht dieses Verfahren so besonders. Soweit wir Pflichtverletzungen feststellen, werden Haftungsansprüche geltend gemacht.

Der neue AWO-Vorstand spricht von fantasievoller Buchführung und krimineller Energie der früheren Geschäftsführung.

Eckert: Die Geschäftsvorgängerin hat über ein Jahrzehnt Managementfehler gemacht. Es wurde versäumt, für die Senioren- und Pflegeheime Pflegesätze nachzuverhandeln und für die Kitas die Betreuungssätze anzupassen. Zudem war das Management ja nicht preiswert, Autos und andere Extras verursachten hohe Kosten. Das hat die AWO Wiesbaden geschwächt. Steuerprüfungen haben zudem ergeben, dass die Gemeinnützigkeit des Kreisverbands aberkannt werden könnte und signifikante Steuerforderungen fällig werden. Der neue ehrenamtliche Vorstand hat die richtigen operativen Sanierungsschritte eingeleitet. Aber die Zeit hat nicht gereicht. Daher die Insolvenz. Was mögliche Straftaten betrifft, müssen wir abwarten, was die Staatsanwaltschaft zutage fördert und was die Gerichte sagen.

Wann rechnen Sie mit Ergebnissen des Sondierungsprozesses?

Eckert: Ich glaube, in drei, vier Wochen wird der Prozess so weit abgeschlossen sein. Dann werden noch zwei oder drei Möglichkeiten übrig bleiben, die wir mit dem Gläubigerausschuss diskutiert werden.

Unter den Beschäftigten herrscht Unruhe.

Eckert: Niemand muss sich Sorgen machen, den Arbeitsplatz zu verlieren. Wer investiert, will die Einrichtung weiterbetreiben. Jede Pflegekraft und jede Erzieherin wird heute gebraucht. Meine Erfahrung ist, dass zudem Versuche, eine Einrichtung mit geringeren Gehältern als vorher zu übernehmen, schwierig sind. Jeder Träger ist aber auf das Personal angewiesen. Es könnte vielleicht um Zusatzleistungen gehen.

Das AWO-Personal wollte keinesfalls auf das Weihnachtsgeld und die Corona-Sonderprämie verzichten. Wurden sie gezahlt?

Eckert: Es ist gelungen, die komplette Corona-Sonderzahlung über das Insolvenzgeld im Dezember zur Auszahlung zu bringen. Und darüber hinaus konnte auch das Weihnachtsgeld zumindest zu einem Viertel bezahlt werden.

Andere AWO-Kreisverbände fordern Schadensersatz von den früheren Geschäftsführern und Vorständen.

Eckert: Schadensersatzforderungen gegen Hannelore und Jürgen Richter sind nicht ausgeschlossen.

Spielen die Kündigungen von Hannelore Richter und anderen eine Rolle? Sie klagt ja gegen ihre Entlassung und spekuliert auf Schadensersatz für entgangene Gehälter.

Plathner: Dann gilt für Frau Richter die gleiche Quote wie für andere Gläubiger.

Welche Chancen ergeben sich aus der Insolvenz für den Kreisverband?

Eckert: Dauerhaft ohne Lasten aus der Vergangenheit und mit ordentlichen Strukturen zu arbeiten. Wenn es gut läuft, wird unsere Hilfe etwa im Mai oder Juni nicht mehr erforderlich sein.

Interview: Madeleine Reckmann und Diana Unkart

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