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Ausstellungen erinnern an die Deportation vor 80 Jahren

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Das Mahnmal am Schlachthof erinnert an die Deportation der Wiesbadener Jüdinnen und Juden vor 80 Jahren.
Das Mahnmal am Schlachthof erinnert an die Deportation der Wiesbadener Jüdinnen und Juden vor 80 Jahren. © Monika Müller

Hunderte jüdische Menschen mussten am 1. September 1942 Wiesbaden verlassen. Die meisten wurden nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Ausstellungen im Stadtarchiv und im Aktiven Museum Spiegelgasse zeichnen die Schicksale der Opfer des NS-Regimes nach.

Das Schreiben kam im August 1942. Sie seien zur „Gemeinschaftsunterbringung außerhalb des Altreiches bestimmt“, wurde Moritz und Sophie Bormass darin mitgeteilt. Das jüdische Ehepaar aus Wiesbaden, wurde gezwungen, für 41 000 Reichsmark einen sogenannten „Heimeinkaufsvertrag“ abzuschließen. Es war das gesamte Vermögen, das dem Kaufmann, der bis 1927 das Warenhaus Bormass auf dem Mauritiusplatz betrieben hatte und seiner Frau nach den Repressalien der Nazis noch geblieben war. Lebenslange Versorgung und ärztliche Betreuung im „Altersghetto“ versprach der Vertrag. Am 1. September 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert, wenige Tage später starben Moritz und Sophie Bormass dort unter unwürdigen menschlichen Bedingungen.

Auf einem Erinnerungsblatt, das eine Arbeitsgruppe des Aktiven Museums Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden zusammengestellt hat, ist der Lebensweg des Paares, der mit dem Tod im Konzentrationslager endete, nachgezeichnet. Mehr als 300 solcher Erinnerungsblätter an Wiesbadener Jüdinnen und Juden hat die Arbeitsgruppe insgesamt recherchiert. Alte Fotografien, handschriftliche Briefe und Zeitungsannoncen lassen die einzelnen Biografien lebendig werden.

Bei einer Ausstellung im Stadtarchiv mit dem Titel „Gegen das Vergessen“ sind ab Donnerstag großformatige Erinnerungsblätter in einer Rauminstallation zu sehen. Dazu werden Objekte ausgestellt, die an die letzte große Deportation hunderter jüdischer Menschen vor 80 Jahren aus Wiesbaden erinnern: die Gestapoliste der zu Deportierenden, das Merkblatt mit strengen Vorschriften, der Heimeinkaufsvertrag, den die Menschen unterzeichnen und bezahlen mussten. Außerdem Gegenstände wie ein Koffer in der vorgeschriebenen Größe und ein Essgeschirr, das mitgenommen werden sollte.

Bereits am 29. August 1942 mussten sich rund 370 zumeist ältere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde im Synagogengebäude in der Friedrichstraße einfinden und registrieren lassen. Nach dreitägigem Warten wurden sie am 1. September unter Polizeibewachung zur Viehverladerampe des städtischen Schlachthofes geführt. Wer krank war oder nicht gehen konnte, wurde mit einem Lastwagen zu den Zügen transportiert, die über Frankfurt ins Ghetto Theresienstadt fuhren. Die Namen der Deportierten wurden bereits am gestrigen Montag in einer Gedenkveranstaltung am Mahnmal Schlachthoframpe am Wiesbadener Hauptbahnhof verlesen.

GEdenken

Im Stadtarchiv , Im Rad 42, wird am Donnerstag, 1. September, 18 Uhr, die Ausstellung „Gegen das Vergessen“, eröffnet.

In Kooperation mit der Buchhandlung Vaternahm findet am 1. September eine Lesung mit Veronika Moos aus ihrem Buch „Nachbarn – Bahnhofstraße 44/46, statt. Beginn ist um 20 Uhr, Eckhaus Hirschgraben 17.

Im Ausstellungshaus des Aktiven Museums Spiegelgasse, wird am Donnerstag, 8. September, die Ausstellung „10. Juni 1942 – Deportation von 0 bis 73“ eröffnet. Beginn ist um 18 Uhr in der Spiegelgasse 11. aro

Die Erinnerungsblätter, die ab Donnerstag in der Ausstellung „Gegen das Vergessen“ in größerem Design gezeigt werden, seien thematisch verschiedenen Lebensbereichen der jüdischen Familien in Wiesbaden zugeordnet, sagte Elisabeth Lutz-Kopp vom Arbeitsbereich Geschichte und Erinnerung des Aktiven Museums der FR. Es gehe um Ärzte, Weltkriegsveteranen, kleine Kaufleute, alleinstehende Frauen, Frauen, die in sogenannter Mischehe lebten, größere Unternehmen, aus dem Umland wegen Verfolgung nach Wiesbaden Zugezogene und Menschen, die angesichts der Deportation die Flucht in den Tod wählten.

Eine weitere Ausstellung, die am 8. September im Ausstellungshaus Spiegelgasse 10 eröffnet wird, befasst sich mit der Deportation am 10. Juni 1942. Mehrere hundert Jüdinnen und Juden mussten damals die Stadt verlassen. Auch Kleinkinder waren darunter.

Zur Erinnerung an jüdische Wiesbadenerinnen und Wiesbadener, die Opfer des Holocaust wurden, gibt es in der Stadt bereits 721 Stolpersteine. Demnächst sollen zwei weitere mit Namen und Lebensdaten der Menschen versehenen Messingplatten vor deren früheren Wohnhäusern verlegt werden, sagte Elisabeth Lutz-Kopp der Frankfurter Rundschau.

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