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Aus Protest ein Fest

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Von: Mirjam Ulrich

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Die Aktionsgemeinschaft „Westfeld erhalten!“ hatte auf den Freudenberger Kerbeplatz eingeladen.
Die Aktionsgemeinschaft „Westfeld erhalten!“ hatte auf den Freudenberger Kerbeplatz eingeladen. © Rolf Oeser

Aktionsgemeinschaft „Westfeld erhalten!“ informiert über Bedeutung des Gebiets für Klima, Nahversorgung und Erholung. Viele Besucher und Besucherinnen kündigten an, sich engagieren zu wollen.

Auf dem Freudenberger Festplatz dreht sich ein Karussell, eine Jazzband spielt. Am Rand stehen zwei Traktoren, in der Mitte eine Jurte, dazwischen etliche Infostände. Die Aktionsgemeinschaft „Westfeld erhalten!“ hat ein Fest organisiert, um auf die Bedeutung des Gebiets zwischen Schierstein und Dotzheim für Klima, Nahversorgung, Artenvielfalt und Naherholung aufmerksam zu machen. Am Stand der Aktionsgemeinschaft hängen Karten zum Klimawandel am Beispiel Schiersteins. Etliche Besucher und Besucherinnen tragen sich in die Mailingliste ein. „Viele wollen sich engagieren“, sagt Harald Kuntze vom Aktionsbündnis.

Der Frauensteiner Landwirt Michael Tinnes unterstützt die Aktionsgemeinschaft bereits. Täglich werden in Deutschland 83 Hektar Boden versiegelt, weiß er. Neben ihm steht Agraringenieur Sebastian Fischer und nickt: „Einen Boden, der einmal bebaut war, kann man nicht wiederherstellen“, erläutert er. „Er ist für immer kaputt und für die Erzeugung notwendiger Lebensmittel verloren.“ Beim Westfeld handele es sich um beste Ackerböden, ihr Wert liege bei 80 bis 100 von 100 möglichen Bodenpunkten. Die Pandemie und der russische Angriffskrieg zeigen doch gerade, wie nötig eine möglichst hohe Eigenversorgung sei, gibt Fischer zu bedenken.

Zu den Nahversorgern zählen auch mehrere Obst- und Gemüsegärtnereien, die dort Flächen bewirtschaften. Nabil Khubeis gehört das KIT-Hofgut an der Saarstraße. Auf insgesamt 7000 Quadratmetern baut er Obst, Gemüse und Wein an. Außerdem hält er mehrere Bienenvölker, die nicht nur seine Obstbäume bestäuben. In Gewächshäusern züchtet der Biologe alte Tomatensorten, um sie zu erhalten. Sein Urgroßvater kaufte 1908 die Felder für die Gärtnerei. „Wenn die Flächen weg sind, verliere ich meine Existenz“, sagt Khubeis.

Die Schiersteiner Störche gehen im Westfeld auf Futtersuche, berichtet Helmut Haibach, Zweiter Vorsitzender der Storchengemeinschaft Schierstein. „Die Gärten dort bieten auch anderen Tieren Zuflucht und dienen den Menschen zur Naherholung.“

Das Westfeld

Das Gebiet zwischen Saar- und Schönaustraße, Autobahn A 66 und Willi-Werner-Straße umfasst 125 Hektar. Es gehört zu Dotzheim und Schierstein.

Die Klimabewertung des städtischen Umweltamts bestätigt den Flächen große oder sogar größte Bedeutung für die Abkühlung und Belüftung und eine hohe Empfindlichkeit.

Die Aktionsgemeinschaft „Westfeld erhalten!“ gründete sich im Mai 2022. Mehr Infos unter:

www.westfeld-erhalten.de miu

Am Stand der Aktionsgemeinschaft kauft sich eine Dotzheimerin ein Transparent, das sie an ihren Balkon hängen will. „Ich finde es wichtig, die Frischluftschneise, die Natur und den Blick in den Odenwald zu erhalten“, sagt die 59-Jährige. Dass all dies zugebaut werden könnte, bereitet ihrer Nachbarin Martina ebenfalls Sorgen. Sie fährt ihre Tochter im Buggy häufig im Westfeld spazieren. Angeblich kommen auf einen Neubaugegner acht Wohnungssuchende, sagt sie, „aber dann werden doch immer nur teure Eigentumswohnungen gebaut.“

Die Zahl der Sozialwohnungen in Wiesbaden sei seit 1990 von 21500 auf 7000 zurückgegangen, sagt der Stadtverordnete Hartmut Bohrer (Linke). Darin sieht er das Problem. Die vor fünf Jahren abgegebenen Prognosen, dass es einen deutlichen Bevölkerungszuwachs geben und dafür Wohnungen gebraucht werden, seien hingegen so nicht eingetreten. Laut Stadtentwicklungskonzept Wiesbaden 2030+ weist das Westfeld das Potenzial für 3000 Wohnungen und Gewerbe auf.

Zweifel am Wohnungsbedarf äußert auch Christina Kahlen-Pappas von der Aktionsgemeinschaft. „Wir müssen uns innerhalb der Stadtgrenzen gesund entwickeln, und die Grenzen des Wachstums muss man auch akzeptieren.“

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