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„Auch ein Markt“

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Bürger wünschen vielfältige Angebote

Gerold Eppler vom Museum für Sepulkralkultur spricht über den Erhalt von alten Grabzeichen und vermeintlichen Engelkitsch.

Herr Eppler, Wiesbadens Friedhöfe sind reich an historischen Grabmalen. Kann denn deren Rettung allein mit Patenschaften gelingen?Es ist schwierig. Bei einer Grabanlage aus verwittertem Sandstein oder Carrara-Marmor können vier- bis fünfstellige Restaurierungskosten anfallen. Das ist für eine Einzelperson oder eine Familie oft zu viel. Deshalb wäre es interessant, wenn sich auch Interessengemeinschaften oder Vereine zusammentäten, um Grabzeichen zu erhalten.

Gibt es denn außer den Grabpatenschaften noch andere Konzepte, diese Schätze zu erhalten?Ja. Immer mehr Friedhofsträger gestalten große repräsentative Familiengrabstätten zu Gemeinschaftsgrabanlagen um. Andere praktizieren bei den Grabpatenschaften ein Fondsmodell. Für Grabstätten, bei denen nicht so teure Restaurierungsarbeiten nötig sind, ist die Gebühr etwas höher. Das Geld kommt in einen Fonds, aus dem dann die Wiederherstellung anderer Grabzeichen finanziert wird, bei denen die Kosten sehr hoch sind.

Was sagen uns Grabstätten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert heute überhaupt noch?Sie sind ein sehr guter Spiegel der Kulturgeschichte, weil sich in ihnen die Werthaltungen einer Gesellschaft zeigen. Größe, Ort und Gestaltung des Grabmals verdeutlichen den Status, die familiären Bindungen werden ebenso veröffentlicht wie Berufsbezeichnungen. Beamte führen beispielsweise ihren Amtstitel auf dem Grabstein. Grabzeichen veranschaulichen die Geschichte einer Stadt oder Region.

Der Trend geht doch aber momentan eher zu alternativen Bestattungen. Die anonyme Urnenbeisetzung oder die Naturbestattung, zum Beispiel im Wald, werden immer beliebter.Unsere Gesellschaft wandelt sich und einige Faktoren schlagen sich auch auf den Friedhöfen nieder. Die berufliche Mobilität spielt eine große Rolle. Viele Familien sind nicht mehr in der Lage die Grabstätten ihrer Angehörigen zu pflegen, weil sie nicht mehr dort wohnen. Die Familienstrukturen ändern sich auch, denken Sie nur an die ganzen Patchwork-Familien – wer soll dann wessen Grab pflegen? Soll die Stieftochter das Grab des späteren Lebensgefährten ihrer Mutter instand halten? Außerdem steigt die Lebenserwartung weiter. Bei Grabstätten für Hochbetagte reduzieren sich die Zeichen des Gedenkens auf ein Minimum, das muss man ebenfalls akzeptieren.

Heißt das, dass Friedhöfe ihren bisherigen Charakter verlieren?Sie werden vielfältiger. Denn Friedhof ist natürlich auch ein Markt. Und in diesem Markt gibt es auch starke Konkurrenz, daher wird man zusehen, dass man auch Kundenwünsche bedient. Immer weniger Bürger geben sich mit dem vorhandenen Angebot zufrieden. Man orientiert sich am europäischen Ausland und will solche Angebote auch haben.

Was meinen Sie damit?Das beginnt beim Grabschmuck wie Porzellanfiguren, Bildern oder Inschriftentafeln und endet mit dem Wunsch, die Asche des Verstorbenen zu Hause aufzubewahren. Inwieweit das sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage. In dem Augenblick, in dem aber der Stellenwert zeitgenössischer Grabmale, insbesondere der Industriegrabmale – und die meisten Grabmale sind ja in Form und Bearbeitung als Industriegrabmale anzusehen –, zurückgeht, in dem Augenblick wächst dann auch wieder die Bedeutung und Wertschätzung historischer Zeugnisse. Auch aufgrund ihrer Seltenheit. Viele Skulpturen aus der damaligen Zeit sind ja noch in den 1950er Jahren als Engelkitsch weggeworfen worden.

Das Gespräch führte Mirjam Ulrich.

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