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Armut in Hessen: „Die Entwicklung ist dramatisch“

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Von: Gregor Haschnik

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Yasmin Alinaghi Foto: Rolf Oeser
Yasmin Alinaghi © Rolf Oeser

Yasmin Alinaghi, Chefin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hessen, spricht im FR-Interview über die Folgen von Armut, die Ursachen sowie Mittel dagegen.

Yasmin Alinaghi ruft schon wenige Minuten nach der Anfrage für ein Interview zurück. Sie muss bald nach Frankfurt fahren, hat aber noch etwas Zeit. Vor allem ist ihr das Thema Armut besonders wichtig, auch weil es gemessen an seiner Bedeutung noch nicht genug Beachtung erfahre. Entsprechend energisch beschreibt sie die Lage.

Frau Alinaghi, laut dem jüngsten Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands für 2020 ist die Armutsquote in Hessen gegenüber dem Vorjahr um 1,3 Prozentpunkte gestiegen – und damit stärker als im Bundesschnitt, wo es 0,2 Prozentpunkte waren. 17,4 Prozent der Hess:innen sind betroffen, im Bund beträgt die Quote 16,1 Prozent. Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung ein?

Sie ist dramatisch. Der Negativtrend setzt sich seit 2006 – als in Hessen noch ein Drittel weniger Menschen arm waren – ungebrochen fort. Besonders schwerwiegend ist, dass jedes fünfte Kind betroffen ist.

Welche Folgen hat die zunehmende Not konkret?

Im Klartext bedeutet dies, dass viele Menschen nicht an unserer Gesellschaft teilhaben können. Kinder können zum Beispiel nicht an Klassenfahrten teilnehmen, in den Urlaub fahren oder ins Kino gehen. Dadurch fühlen sie sich auch ausgeschlossen und geraten in die Isolation. Sie schämen sich und versuchen, ihre Armut zu verstecken, was einen enormen Druck erzeugt. Weil es in Hessen gleichzeitig viele Reiche gibt, wächst die soziale Ungleichheit. Das schadet auch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Worin liegen die Ursachen für den Anstieg bei der Armut?

Wir gehen davon aus, dass der große Niedriglohnsektor, prekäre Beschäftigung und Altersarmut zu den wesentlichen Gründen gehören. Die Pandemie hat die Lage verschärft, etwa weil das Kurzarbeitergeld oft nicht reicht. Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger:innen in Hessen ist seit 2015 von 8,5 auf 8,1 Prozent sogar leicht gesunken – ein Hinweis darauf, dass Langzeiterwerbslosigkeit nur ein Auslöser von Armut ist. Gar nicht in die Statistik eingegangen sind die vielen Menschen, die zwar kein geringes Einkommen haben, aber gerade in Frankfurt und Umgebung mehr als ein Drittel oder sogar die Hälfte des Geldes für hohe Mieten ausgeben müssen. Hinzu kommt also viel „versteckte Armut“. Angesichts der neuesten Daten ist eine umfassende Analyse der Ursachen in Hessen dringend notwendig. Das ist Aufgabe der Landesregierung und dazu fordern wir sie auf.

Welche Gruppen sind am häufigsten von Armut betroffen?

Erwerbslose, von denen die Hälfte unter der Armutsschwelle lebt, sowie Alleinerziehende mit 40 Prozent und Familien mit drei Kindern oder mehr mit etwa 33 Prozent. Darüber hinaus sind Menschen mit niedrigem Bildungsniveau häufiger von Armut betroffen als andere.

Zur Person

Yasmin Alinaghi ist Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hessen. Sie wurde 1966 in Wiesbaden geboren und studierte Politikwissenschaften sowie angewandte Sprachwissenschaften. Nachdem Alinaghi unter anderem als Assistentin im Europäischen Parlament, Projektmanagerin und Vertriebsleiterin gearbeitet hatte, übernahm sie 2017 die Geschäftsführung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hessen.

Der Paritätische Gesamtverband veröffentlicht seit 1989 regelmäßig seinen Armutsbericht, der mit amtlichen Statistiken, etwa einer Auswertung des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts, arbeitet. Als arm werden Haushalte eingestuft, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt. Zuletzt lag die Armutsschwelle bei Alleinstehenden bei einem monatlichen Einkommen von 1126 Euro, bei einem Paar ohne Kinder bei 1688 Euro. Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren gelten als armutsgefährdet, wenn sie weniger als 1463 Euro zur Verfügung haben. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 sind es 2364 Euro. gha

Gibt es in Hessen große Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Gegenden?

Armut zieht sich durch unser gesamtes Bundesland. Mit einer Armutsquote von 19,5 Prozent war das ländlich geprägte Mittelhessen 2018 sogar unter den zwölf ärmsten Regionen in Deutschland. Auch in Südhessen ist die Entwicklung sehr problematisch. Wir gehen davon aus, dass niedrige Löhne und hohe Altersarmut auch auf dem Land zu den Hauptursachen zählen. Besonderen Anlass zur Sorge gibt auch die Entwicklung in Frankfurt, wo die Armutsquote von 2018 auf 2019 von 15,4 auf 19 Prozent nach oben geschnellt ist. Damit lag die europäische Bankenhauptstadt weit vor anderen deutschen Großstädten und hatte Dresden überholt. Ob sich dieser Trend 2020 fortgesetzt hat, wissen wir leider nicht. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen konnte des Statistische Bundesamt den Mikrozensus, auf dem unser Armutsbericht basiert, nur eingeschränkt durchführen und keine regionalen Daten liefern.

Haben Sie den Eindruck, dass die Landesregierung die Dringlichkeit des Problems erkannt hat?

Nein, noch nicht. Sie muss mehr tun, angefangen bei einer tiefgehenden Ursachenforschung. Die hohe Armutsquote resultiert zum Beispiel nicht daraus, dass viele Geflüchtete sehr wenig Geld haben. Weil nur Haushalte erfasst werden, sind Asylsuchende, die in Sammelunterkünften leben, nicht Teil der Statistik, ebenso wenig wie Wohnungslose. Das zeigt ebenfalls, wie alarmierend die jüngsten Zahlen sind. Positiv zu erwähnen sind die Hilfen von Bund und Land im Rahmen der Pandemie, die verhindert haben, dass noch mehr Menschen in Armut leben müssen. Sie sollten so lange wie möglich aufrechterhalten werden.

Wie bewerten Sie bereits beschlossene beziehungsweise geplante Schritte wie die Erhöhung des Mindestlohns oder der Minijob-Grenze von 450 auf 520 Euro?

Das sind, ebenso wie die angekündigte Kindergrundsicherung, Schritte in die richtige Richtung, aber kleine Schritte.

Was fordern Sie darüber hinaus?

Der Hartz-IV-Regelsatz muss mindestens 600 Euro betragen, aufgrund der Pandemie sollte eine Einmalzahlung in Höhe von 100 Euro hinzukommen. Bis zur jüngsten Erhöhung des Satzes um drei Euro waren beispielsweise 1,61 Euro pro Monat für Bildung vorgesehen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Es sollte unter anderem bessere Qualifizierungsmaßnahmen für Menschen mit niedrigem Bildungsniveau geben, damit sie auch in modernen Berufen Fuß fassen können. Außerdem braucht es eine ausreichende Mindestrente und ein wirksames Instrument, um die Mietpreise zu dämpfen, und eine Umverteilung: Große Vermögen und Gehälter – viele reiche Leute sind auch in Hessen während der Pandemie noch reicher geworden – müssen stärker besteuert werden.

Interview: Gregor Haschnik

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