Gehälter

Arbeiterwohlfahrt Wiesbaden in Zahlungsnot

  • Claus-Jürgen Göpfert
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Der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Wiesbaden droht die Insolvenz. 420 Beschäftigte sollen auf Weihnachtsgeld und Corona-Zulage verzichten.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Wiesbaden steckt in einer prekären finanziellen Situation. Der Vorstand hat die 420 Beschäftigten darüber informiert, dass sowohl das Weihnachtsgeld wie auch die jetzt vom Gesetzgeber ermöglichte Corona-Zulage nicht ausgezahlt werden sollen. Beides übersteige die finanziellen Möglichkeiten der Wohlfahrtsorganisation, wie der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Hessenauer im Gespräch mit der FR sagte: „Wir haben ein Problem.“

Auch die zum 1. April vereinbarte tarifliche Erhöhung der Gehälter in den Pflegeberufen könne die AWO Wiesbaden nicht mittragen. Auf die Frage, ob der AWO in der Landeshauptstadt die Insolvenz drohe, antwortete er: „Das könnte sein, weil wir möglicherweise das Weihnachtsgeld nicht bezahlen können.“

Der 78-jährige Hessenauer, der früher Sozialdezernent in Wiesbaden war, rechnete vor, dass allein das Weihnachtsgeld mit 900 000 Euro zu Buche schlage. Für die einmalige Corona-Zulage würden weitere 160 000 Euro fällig. Die AWO-Spitze hat deshalb jetzt Sondierungsgespräche mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi über einen „Notlage-Tarifvertrag“ aufgenommen. In diesem Papier solle Verdi zustimmen, dass das Weihnachtsgeld zunächst gestundet und dann später ausgezahlt werde. Auf die Corona-Zulage müssten die Beschäftigten grundsätzlich verzichten. Den „Notlage-Tarifvertrag“ gibt es laut Hessenauer aber nur, wenn ihn sowohl die Beschäftigten wie auch der Verdi-Bundesvorstand akzeptieren.

Der Sozialdemokrat Hessenauer war im Januar 2020 in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zum neuen Vorstandsvorsitzenden der AWO Wiesbaden gewählt worden, an seiner Seite steht als Stellvertreter der ehemalige Leiter des Wiesbadener Amts für Soziale Arbeit, Franz Betz.

Hessenauer sagte, man brauche Zeit, „um das Chaos in Ordnung zu bringen“, das die frühere Geschäftsführerin Hannelore Richter hinterlassen habe. Richter stand an der Spitze des AWO-Kreisverbands Wiesbaden, während ihr Ehemann Jürgen lange Zeit den Frankfurter Kreisverband führte. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt seit Herbst 2019 gegen ehemalige führende AWO-Funktionäre wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue.

Hessenauer zeichnete ein sehr kritisches Bild der Lage des Wiesbadener Kreisverbands. Seit langer Zeit seien die Entgelte, die in den AWO-Pflegeheimen in Wiesbaden erzielt würden, nicht mehr kostendeckend. Die Tarife seien seit 15 Jahren nicht angehoben worden. „Sie müssten eigentlich um 40 Prozent höher sein.“ Ein solcher Kostensprung auf einmal sei natürlich nicht zumutbar. „Wir benötigen dafür eine Übergangszeit.“ Auch in den Familienbegegnungsstätten bedürfe es einer Erhöhung der Tarife. „Die Kitas dagegen laufen gut.“

Nach Hessenauers Worten hat die AWO Wiesbaden unter Hannelore Richters Führung allein im Geschäftsjahr 2018 einen Verlust von zwei Millionen Euro gemacht. Auch für das Jahr 2019 sei ein Defizit zu erwarten.

Der Wiesbadener Rechtsanwalt Bernhard Lorenz, der das Ehepaar Richter vertritt, stellte die Situation völlig anders dar. Hannelore Richter habe für die Arbeiterwohlfahrt in Wiesbaden über Jahrzehnte schwarze Zahlen geschrieben und sei „mit Millionenerträgen Ende 2019 aus der Geschäftsführung geschieden“. Sie habe den Kreisverband in der Zeit ihrer Tätigkeit von 1998 an von 85 Beschäftigten auf „mehr als 500 Mitarbeiter“ vergrößert und den Umsatz von drei Millionen Euro auf mehr als 30 Millionen Euro gesteigert.

Die neue Führung dagegen fahre „den Verband gegen die Wand“, sie habe die Einrichtungen und deren Erträge aus dem Blick verloren, „die sitzen im Nerotal und fressen Akten, statt Management by walking zu machen“.

Die alte Führung, betont Lorenz, habe die Verantwortung an die nächste Generation weitergegeben: „Niemand hat sich aus dem Staub gemacht.“

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