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Die Angst bleibt

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Von: Ute Fiedler

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Opfer sagt im Prozess aus und erinnert sich sehr detailliert.

Noch aus der Untersuchungshaft hat Mentor B. (Namen von der Redaktion geändert) dem 21-jährigen Lukas geschrieben. Es tue ihm leid, er könne nicht mehr essen vor schlechtem Gewissen. Auch Lukas aß zu diesem Zeitpunkt nicht. Jedoch nicht, weil sein Gewissen ihn plagte. Lange Zeit konnte er nichts zu sich nehmen, weil ein Messerstich im August 2010 seine Bauchspeicheldrüse und seinen Magen getroffen hatte. Mentor B. ist der Messerstecher gewesen, sagte Lukas gestern. Mentor B., ebenfalls 21, hingegen schwieg.

Noch einmal lässt der Fall, der derzeit vor der Ersten Strafkammer am Wiesbadener Landgericht verhandelt wird, Erinnerungen an den im November 2010 im Schlachthof getöteten 18-Jährigen wach werden. Die äußeren Umstände der beiden Fälle gleichen sich. Beide Taten ereigneten sich im Schlachthof, beide im selben Jahr, zu einem Zeitpunkt, als es noch kein Sicherheitskonzept für das Kulturparkgelände gab. Nur der Ausgang war ein anderer: Während für Fabian S. jede Hilfe zu spät kam, hatte Lukas Glück. Zwei Notoperationen retteten ihm das Leben.

Über einen Monat lag er im Krankenhaus, dann wurde er entlassen. Doch seine Arbeit konnte er in den folgenden zwei Monaten nicht aufnehmen: Immer wieder rissen die Narben auf. Mittlerweile ist dem jungen drahtig-wirkenden Mann äußerlich nichts mehr anzumerken. Doch noch immer quälen ihn Ängste. Eine Zeit lang nahm er Antidepressiva, ging nicht mehr aus. Das änderte sich mit der Zeit, die auch seine seelischen Wunden heilte. „Von Monat zu Monat denke ich weniger an das, was passiert ist“, sagte er.

Doch gestern, da musste er noch einmal zurück blicken. Und während seine Freunde sich kaum noch an den Vorfall erinnern können, haben sich die Details in das Gedächtnis des 21-Jährigen gebrannt. Wie Mentor B. und dessen Kumpel zwei Freundinnen von ihm auf der Tanzfläche angetanzt haben. Wie er dazwischen ging, weil er merkte, dass das den Mädchen nicht gefiel. Wie B. ihn in den Schwitzkasten nahm und mit einem Messer in den Bauch pikste, erst nur leicht. Wie er fragte: „Willst du Messer in den Bauch?“ und wie er selbst dem Angreifer mit der Faust ins Gesicht schlug und sich so befreite. Er erinnert sich auch, wie ihn der Schmerz übermannte, als Mentor B. ihm das Butterfly-Messer in den Bauch stach und wie er zur Security lief. Die Männer hielten B. auf, als der gerade den Schlachthof verlassen wollte.

Das alles sind Erinnerungen, keine Beweise. Gesehen haben weder Lukas noch seine Freunde die Klinge. Letztere haben auch nicht beobachtet, ob und wie B. zugestochen hat. Einem Freund soll B. nach der Tat am Telefon gesagt haben, dass er Lukas drinnen abgestochen habe. Aber daran könne er sich nicht mehr so genau erinnern, sagte der Freund gestern.

Der Prozess wird am Mittwoch um 9.45 Uhr fortgesetzt.

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