Die Proberäume sind zu klein, sagt Bernd Fülle. Dies stresse die Schauspieler bei der Aufführung auf der Bühne zusätzlich. Michael Schick)

Wiesbaden

Anbau des Wiesbadener Staatstheaters lieber abreißen als sanieren

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Direktor Bernd Fülle schlägt vor, das Parkhaus in der Paulinenstraße mitzubenutzen.

Wollte Kaiser Wilhelm II. den Feierlichkeiten zum 125-jährigen Bestehen des Hessischen Staatstheaters im Oktober beiwohnen, er würde seine Kaiserdurchfahrt nicht finden. Das Tor mit den beiden Säulen auf den Seiten und dem Löwenkopf darüber, durch das seine kaiserliche Hoheit zur Eröffnung 1894 in der Kutsche einfuhr, um sich nicht unters Volk mischen zu müssen, ist heute durch einen Neubau verdeckt. Der Erweiterungsbau aus den 1970er Jahren aus Beton, Glas und Metall verleiht dem ursprünglichen Theater einen ganz anderen Charakter.

Ginge es nach dem geschäftsführenden Direktor Bernd Fülle, der Neubau würde nicht saniert, sondern abgerissen werden. „Die Mängel am Bau sind eklatant“, klagt Fülle, ohne den L-förmigen Riegel ums Theater wäre der Blick auf das prächtige Foyer frei. Die Architektur im Stil des späten Historismus mit Renaissance- und Barockformen würde sichtbar. Fülle hat seinen Wunsch, den Anbau abzureißen, noch nicht in die Welt getragen. „Jetzt ist der Anlass, die Situation neu zu verankern“, sagt er. Zu lange hätten die Theaterleute mit Kompromissen gelebt, nun sei der Zeitpunkt gekommen, das Theater für die nächsten 30 bis 50 Jahre angemessen zu realisieren.

Obwohl so bezeichnet, ist der Neubau nicht mehr neu. Die 40 Jahre seit seiner Eröffnung haben ihm zugesetzt. „Durch die Bürofenster regnet es herein, weil die Fenster nicht richtig schließen“, berichtet Fülle. Schalten die Beschäftigten alle Geräte ein, flackere das Licht. Im Keller bilde sich Schimmel. Bis zu 30 Mal im Jahr komme es zu Rohrbrüchen der Wasser- und Abwasserleitungen. Die Tontechnik sei so alt, dass manchmal mitten in der Vorstellung ein Rauschen zu vernehmen sei, und die Rechner der Obermaschinerie an der Hauptbühne hätten die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht.

Zudem sei der Anbau bereits 1978 zu klein konzipiert worden, klagt Fülle. Es gebe keinen Proberaum mit den gleichen Ausmaßen wie die Bühnen. „Für die Schauspieler ist das zusätzlicher Stress“, sagt Fülle, die eingeübten Wege seien plötzlich andere.

Der schlechte bauliche Zustand des Staatstheaters ist bekannt. Der für die Bauunterhaltung zuständige Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen hat bereits Fachfirmen mit der Bestandsaufnahme des Sanierungsbedarfs beauftragt. Die Brandschutzmängel sind so groß, dass das Theater nur bespielt werden darf, wenn ausreichend Personen mit brandtechnischer Ausbildung Wache halten. Nach Fülles Informationen soll im Frühjahr eine Machbarkeitsstudie zeigen, ob das Theater für eine Generalsanierung länger schließen soll oder die Arbeiten in verlängerten Spielpausen stattfinden können. Offen ist somit auch, ob das Theater Ersatzspielstätten benötige oder einfach in einem Zelt im Park gespielt werden könne.

Für den Fall eines Neubau-Abrisses hat Fülle bereits einen Vorschlag, wo die Proberäume, Werkstätten und Büros unterkommen könnten: Das Parkhaus am Theater in der Paulinenstraße sei groß genug und müsste entsprechend umgebaut werden. Fülle hält dies auch für wirtschaftlicher, als die ständigen Reparaturen. Allein um dem Brandschutz Genüge zu tun, würde eine erforderliche neue Lüftungsanlage einen zweistelligen Millionenbetrag kosten.

Musikalische Gala:Anlässlich seines 125-jährigen Bestehens lädt das Staatstheater Wiesbaden für Mittwoch, 16. Oktober, 19.30 Uhr, ins Große Haus zur musikalischen Gala ein.

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