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Die Kostümbildnerin stattet einen Schauspieler aus.

Gefängnis

„Das Klebeband muss draußen bleiben“

Kostümbildnerin Nathalie Meyer über Theateraufführungen in der Justizvollzugsanstalt.

Von Stefan Schickhaus

Frau Meyer, Sie sind als Kostümbildnerin Teil des Teams von „Die Werft“, das jedes Jahr eine Theaterproduktion in der Justizvollzugsanstalt organisiert. Theater im Gefängnis: Wo genau wird da gespielt und wer sind die Schauspieler?
Der Förderverein der JVA hat eine eigene Theaterbühne mit 80 Plätzen gebaut, speziell für die Produktionen der Werft. Die Schauspieler sind Inhaftierte, die jedes Jahr ausgewählt werden. Sie melden sich entweder von selbst, weil sie schon Aufführungen gesehen haben, oder werden gezielt angesprochen. Es geht in erster Linie darum, ein tolles Theater-Kunstprojekt gemeinsam mit den jungen Leuten auf die Beine zu stellen.

Kennen Sie die Gründe, warum Ihre Schauspieler dort sind?
Teils, teils. Manchmal erzählen sie mir ihre Geschichte. Aber meistens kenne ich die Gründe nicht und möchte mich auch nicht davon beeinflussen lassen im Umgang und in der Zusammenarbeit mit ihnen.

Nun sind die Inhaftierten ja Laien, die Stücke aber unbedingt anspruchsvoll. Im letzten Jahr stand sogar „Macbeth“ auf dem Programm, starker Tobak. Wie lernen und wie beherrschen die Schauspieler ihre Rollen?
Es wird über einen Zeitraum von rund drei Monaten jeden Tag mit den beiden Regisseuren geprobt, in kleinen Gruppen. In der letzten, heißen Phase sind die Schauspieler dann auch von ihrem Ausbildungsplatz oder ihrem Unterricht freigestellt. Die Texte lernt jeder auf seiner Zelle und natürlich während der Proben. Bei „Macbeth“ zum Beispiel hatten einige den Inhalt ihrer Sätze nicht sofort verstanden. Die beiden Regisseure der Werft erklären dann in bildreichen Worten und erarbeiten die Rollen in intensiven Einzelproben.

Und wer gab die Lady Macbeth? Sie haben ja ausschließlich Männer auf der Bühne.
Keiner wird gezwungen, eine Frau zu spielen. Die Lady Macbeth übernahm schließlich der Größte und Muskulöseste unter den Schauspielern, das war Herausforderung und Highlight zugleich.

In diesem Jahr erarbeiten Sie „Klub 27, eine Terrorkomödie“, ein Titel, der auf das Alter anspielt, in dem gleich mehrere bekannte Rock- und Bluesmusiker starben. Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain, Amy Winehouse – ist diese Welt im Knast einfacher zugänglich als die Shakespeares?
Definitiv. Wobei, außer Amy Winehouse kannten die meisten höchstens noch Kurt Cobain, für die anderen sind sie einfach zu jung. Das Stück haben die Regisseure selbst geschrieben, mit eingebauten eigenen Texten der Inhaftierten im Rahmen einer Schreibwerkstatt.

Wie darf man sich nun Ihre Arbeit vorstellen? Kostüme in der JVA heißt wohl zunächst: Die scharfe Schere muss draußen bleiben, oder?
Ganz genau. Ich muss alles genehmigen lassen, was ich mitbringen möchte. Scheren sind verboten. Es gibt eine einzige vor Ort, die aber immer unter Verschluss ist. Selbst auf Sicherheitsnadeln muss ich achten, die sind alle abgezählt. Oder Gewebeklebeband, eigentlich unverzichtbar im Theater: Hier verboten, weil zum Fesseln geeignet. Da muss man sich schon erst einmal umstellen. Umso schöner ist dann aber zu sehen, wie sehr sich die Schauspieler freuen über ihre Ausstattung. Endlich einmal nicht mehr die graue Anstaltskluft! Sondern coole Klamotten, verrückte Outfits. Die sind wirklich dankbar für diese Veränderung, für dieses Privileg.

Das Erlebnis, hört man, soll dann bei der Premiere und den Folgeaufführungen ein ganz intensives sein. Was bekommt man hier zu spüren, was man in einem Staatstheater nicht bekommt?
Es ist schon ein ungewöhnliches Erlebnis, diesen Ort zu besuchen. Vorbei an Schleusen, Stacheldraht und vergitterten Metalltüren. Neben sich, der Sitznachbar, ist vielleicht auch ein Inhaftierter, man weiß es nicht. Doch wirklich herausragend finde ich dann die Intensität, mit der die Schauspieler spielen. Ich bekomme da jedes Mal Gänsehaut.

Interview: Stefan Schickhaus

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