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Frankfurter Amtsgericht.

Amtsgericht Frankfurt

Der Anwalt mit dem Kopf im Sande

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Der Angeklagte veruntreute Gelder einer Wiesbadener Wohnungsbaugesellschaft. Die zählte damals zu seinen Mandanten.

Anwalt müsste man sein, denkt der kleine Mann mitunter, oder Arzt, oder wenigstens Vermieter. Dann lebte man herrlich und in Freuden, erwürbe Reichtum, wäre zu beneiden. Der Prozess gegen den 43 Jahre alten Ex-Anwalt Daniel M. am Dienstag vor dem Frankfurter Amtsgericht beweist, dass dem nicht zwangsläufig so sein muss.

M. muss sich wegen gewerbsmäßiger Untreue verantworten. Er hatte 2013 als Advokat vor dem Landgericht Würzburg für seinen damaligen Mandanten, eine Wiesbadener Wohnungsgesellschaft, Ansprüche von knapp 40.000 Euro erstritten – zahlbar von Doktor E., der seine damalige Praxis in Würzburg von der Wiesbadener Gesellschaft gemietet hatte, aber die Miete schuldig geblieben war.

In den Jahren 2014 bis 2017 aber landeten die 500-Euro-Monatsraten, die Dr. E. zahlen musste, nicht auf dem Konto der Wiesbadener, sondern auf M.s Konto und gingen in Höhe von 23.500 Euro laut Anklage für dessen „private Lebensführung“ drauf.

Die Zeiten sind vorbei. Auf die Frage nach seiner Adresse antwortet M.: „Ich bin gestern zwangsgeräumt worden.“ Sein Konto wurde vom Finanzamt gepfändet, seine Zulassung als Anwalt ist er seit vergangenem Jahr ebenfalls los, und irgendwie „habe ich mir meine Arbeit als Anwalt anders vorgestellt“, sagt M.

Daniel M. stand schon zweimal wegen dieser Sache vor Gericht

Das zumindest klingt glaubwürdig. Völlig unklar ist, wie es soweit hat kommen können. Seit er sich 2007 als Anwalt selbstständig gemacht hatte, habe er stets „die Buchführung sträflich vernachlässigt“. Ruckzuck hätten sich Pfändungen und Zwangsgelder seitens des Finanzamtes gehäuft, und irgendwann habe er „den Kopf in den Sand gesteckt“, Briefe nicht mehr geöffnet, E-Mails nicht beantwortet.

Der frühe Leukämie-Tod seines Sohnes und seine Trunksucht mögen ihr Scherflein dazu beigetragen haben, mutmaßt M., ohne sich damit herausreden zu wollen. Er weiß es schlicht nicht. Und sein Widerwille gegen Steuer-Papierkram taugt als Erklärung auch nicht, dafür ist dieses Leiden viel zu gewöhnlich. Faszinierend: Bereits 2015 und 2016 stand Anwalt M. wegen dieser Sache vor dem Frankfurter Amtsgericht. Beide Male wurden die Verfahren aus unerfindlichen Gründen eingestellt, während Dr. E.s Monatsraten munter weiter auf seinem Konto eingingen.

Er möchte künftig etwas tun, „wo ich nicht intellektuell arbeiten muss“, sagt M. Das Amtsgericht entspricht seinem Wunsch und verurteilt ihn neben einer Bewährungsstrafe von einem Jahr zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Und die Richterin spendet Daniel M. zum Abschied noch Worte des Trostes: „Sie müssen ja nicht unbedingt Anwalt sein. Da gibt es eh´ genug davon.“

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