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Inga Ellingen (li.) und Nanna Beyer sind die Macherinnen, liefern aber manchmal auch Waren aus.

Wiesbaden

Per Rad zum Kunden

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Im Kiezkaufhaus einzukaufen, spart Klimagase. Das Projekt erhält den städtischen Umweltpreis.

Die Idee des Kiezkaufhauses ist bestechend einfach: Wer es für seine Besorgungen nicht in die Innenstadt schafft, bekommt die Waren per Lastenfahrrad nach Hause geliefert. Bestellt wird auf der Website Kiezkaufhaus.de, auf der 30 Wiesbadener Händler ihre Angebote präsentieren.

Den Organisatoren geht es nicht nur um Verkauf und Konsum, sondern darum, Wege gegen die Klimaerwärmung und die Verödung der Innenstädte zu finden. Der Trend zur Onlinebestellung sei ja nicht aufzuhalten. „Wir wollten etwas gegen den Lieferwahnsinn machen“, sagt Nanna Beyer, die das Kiezkaufhaus leitet.

Beim Kiezkaufhaus bringen statt Amazon und DHL nun Fahrradkuriere aus Wiesbaden Waren aus zumeist inhabergeführten Wiesbadener Geschäften an die Tür. 16 Mal wurde das Kiezkaufhaus seit seiner Gründung 2015 ausgezeichnet, vom Deutschen Designerclub, dem Deutschen Fahrradclub und anderen. Jetzt erhält es erstmals eine Auszeichnung der Landeshauptstadt, heute wird ihm der Wiesbadener Umweltpreis verliehen.

„Die Auszeichnung freut uns sehr“, sagt Beyer. Zumal die Kunden in Wiesbaden wohnen oder arbeiten sollen. Denn nur Wiesbadener Adressen werden beliefert. 1300 Menschen nehmen den Service inzwischen in Anspruch. Insbesondere Lebensmittel werden so eingekauft. Bäcker, Konditoren, eine Kaffeerösterei, ein Weinladen, ein Hofladen und ein größerer Biomarkt gehören zu den angeschlossenen Händlern.

Kürzlich wurden auch Eisenwaren, Glühbirnen und Klebstoffe ins Sortiment aufgenommen. Auch Blumen, Bücher und Büroartikel sind übers Kiezkaufhaus zu beziehen. Die Händler bringen die Bestellungen ins Kiezkaufhaus in der Schwalbacher Straße, wo sie für die Kunden gepackt werden. 15 bis 20 Bestellungen am Tag transportieren die Kuriere per Elektrorad zu den Kunden.

Das reicht nicht, damit sich der Einsatz rentiert. Nachdem die Kreativ-Agentur Scholz & Volkmer sich das Kiezkaufhaus ausgedacht hatte, hilft sie ihm noch immer mit einer Anschubfinanzierung auf die Sprünge. Bis Jahresende soll sich der Laden selbst tragen. Dazu sind mindestens 30 Bestellungen am Tag notwendig. „Wir sind dabei, Büros als Zielgruppe aufzunehmen“, sagt Beyer. Kaffee, Milch und Büroartikel etwa könnten geliefert werden. Eine neue Software, die über die Digitalisierungsstrategie des Landes Hessen zur Hälfte mitfinanziert wurde, soll helfen, mehr Kunden zu akquirieren.

Die Produkte sollen so von August an besser präsentiert und die Atmosphäre der Geschäfte gezeigt werden, etwa mit Filmen über die Produktion der Waren. Für die Einzelhändler sei das wie ein neues Schaufenster für ihre Angebote und ein neuer Vertriebsweg, sagt Inga Ellingen, die fürs Marketing zuständig ist. „Es geht uns nicht nur um den Preis und den Warenkorb.“

Schon jetzt versucht das Kiezkaufhaus auf Plastik und unnötige Verpackung zu verzichten. Geliefert wird in Pfandtaschen, die wieder zurückgenommen werden. Was nicht verpackt werden muss, wird lose verkauft. Empfindliche Ware wie Pilze stecken in Papiertüten. Künftig soll der Kunde auch wählen können, plastikfrei einzukaufen. Mit der neuen Software können andere Städte die Idee aufgreifen. In Bad Honnef kooperiert die Stadt mit dem Kiezkaufhaus. Für Darmstadt laufen noch Verhandlungen.

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