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Aggressive Söhne

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Von: Fabian Scheuermann

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Polizei und Stadt Wiesbaden wollen männliche Migranten eine bessere Integration ermöglichen. Oft sind es Perspektivlosigkeit und ungeklärte Fragen der kulturellen Identität, die das bisher verhindern.

Nein, was der Begriff „Ehre“ bedeutet, das konnte auch während der Veranstaltung „Die Ehre der Männer – Mann oder Memme“ nicht abschließend geklärt werden. In einem Punkt waren sich die Anwesenden jedoch einig: Vor allem für die Lebenswelt junger Männer mit Migrationshintergrund scheint der Begriff eine zentrale Rolle zu spielen.

„Integrationsprobleme“, so erzählt die Kriminalhauptkommissarin Döndü Yazgan, „gibt es in erster Linie bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern.“ Yazgan ist Migrationsbeauftragte beim Polizeipräsidium Westhessen, das in Kooperation mit dem Amt für Zuwanderung und dem Ausländerbeirat Wiesbaden einen Vortragsnachmittag veranstaltete. „Viele Jungs“, so Yazgan, „schnappen den Ehrbegriff von den Eltern und Großeltern auf und definieren ihn für sich so, wie es ihnen gerade passt“. In Kombination mit unbeantworteten Fragen zur kulturellen Identität sowie einer gewissen Perspektivlosigkeit entstehe so oftmals ein Gefühl der „sozialen Ausgrenzung und Demütigung“. Aggression – nicht selten in Form von Körperverletzung und häuslicher Gewalt – sei eine indirekte Folge davon.

Jungen von Haus aus benachteiligt

„Eine ganz große Rolle spielt hier die Bildung“, sagt Ömer Sekmen vom Ausländerbeirat Wiesbaden. Mädchen schneiden hier besser ab als Jungen: Laut dem aktuellen Wiesbadener Integrationsbericht 2011 lag der Anteil der männlichen Gymnasialschüler mit Migrationshintergrund mit 21,2 Prozent fast fünf Prozentpunkte unter dem der Mädchen. Zudem verließen über 11 Prozent der Jungen 2011 die Schule ohne Schulabschluss. Zum Vergleich: 44,2 Prozent der Wiesbadener unter 18 Jahren haben einen Migrationshintergrund.

Neben Sekmens Vermutung, dass Mädchen vor allem in der Pubertät „vielleicht einfach fleißiger“ seien, liegen die Gründe für die Unterschiede Yazgan zufolge auch zu Hause bei der Familie: „In muslimischen Kreisen“, so die gebürtige Türkin, „werden Jungs anders erzogen als Mädchen“. Zudem spielten beengte Wohnbedingungen eine Rolle dabei, dass die Jungen raus auf die Straße gingen.

Aus all diesen Gründen, so Yazgan, bräuchten Jungen mehr Unterstützung aus der Gesellschaft als bisher. Ein Teil dieser Unterstützung ist in jener Arbeit zu sehen, die die Migrationsbeauftragten der Polizei in Zusammenarbeit mit dem Ausländerbeirat täglich verrichten. Zusammen mit ihrem Kollegen Abdellah Amrouch bietet Yazgan etwa Gesprächsrunden für Eltern an, deren Söhne aggressive Verhaltensweisen an den Tag legen. „Die Kommunikation“ sei „das A und O“.

Akzeptanz und Wertschätzung

So auch bei der Opferbetreuung, die ebenfalls in Yazgans Arbeitsbereich fällt: Zwei Jugendliche, die zuvor Mitschülerinnen sexuell belästigt hätten, fragte Yazgan auf Türkisch, ob man in der Türkei „denn so mit seinen Frauen“ umgehe. „Schon die Tatsache, dass ich ihnen auf Augenhöhe begegnet bin, brachte die beiden zum Weinen“, erinnert sich Yazgan. Sekmen stimmt zu: Bestimmte Themen könnten in der Muttersprache „einfach besser transportiert werden“.

„Mehr Akzeptanz und Wertschätzung“, da sind sich die beiden jedenfalls einig, könnten sowohl präventiv wirken als auch den Integrationsprozess anschieben. Yazgan ist sich sicher: „Wir dürfen zwar keine Wunder erwarten – aber in ein paar Jahren werden wir die Früchte der Integrationsarbeit ernten können.“

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