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Post-Covid-Erkrankte sind oft kaum mehr in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen.
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Post-Covid-Erkrankte sind oft kaum mehr in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen.

Corona

Ärztin der Wiesbadener Long-Covid-Station: „Trifft auch junge, sportliche Menschen“

  • VonDiana Unkart
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Die Wiesbadener Chefärztin Martina Lukas hat eine Ambulanz für Long-Covid-Patient:innen eingerichtet. Ein Interview über Aufklärung und Umgang mit Corona-Spätfolgen.

Wiesbaden - Eine bessere Aufklärung über die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung fordert Martina Lukas, Chefärztin an der DKD Helios-Klinik in Wiesbaden. Dort betreut sie Patientinnen und Patienten, die oft noch Monate nach einer Infektion an unterschiedlichen Beschwerden leiden.

Frau Dr. Lukas, seit knapp zwei Monaten gibt es in Ihrer Klinik eine Ambulanz für Long-Covid-Patientinnen und -Patienten. Wie kam es zu diesem Angebot?

Wir haben uns entschieden, dieses Angebot zu etablieren, weil wir bei unserer täglichen Arbeit bemerkt haben, dass es Bedarf gibt. Immer mehr Patientinnen und Patienten sind nach einer Covid-Erkrankung mit Fragen auf uns zugekommen. Häufig haben sie sich auch Wochen nach der Erkrankung nicht gut gefühlt. Die ersten Anfragen gab es im Herbst, gehäuft dann im Dezember und Januar. Heute kann ich sagen, die Resonanz ist groß.

Ärztin über Ambulanz für Long-Covid in Wiesbaden: Reaktion auf Bedarf nach Corona-Welle im Herbst

Warum diese Häufung um den Jahreswechsel herum?

Die erhöhte Nachfrage hängt mit den Erkrankungswellen zusammen. Die zweite Welle im vergangenen Herbst war stärker als die erste Welle Anfang 2020. Die, die sich im Dezember oder Januar an uns gewandt haben, sind während der zweiten Welle erkrankt. Nach der dritten Welle wird die Zahl der Long-Covid-Erkrankten weiter steigen.

Mit welchen Beschwerden wenden sich frühere Covid-Erkrankte an Sie?

Die Symptome sind unterschiedlich. Erschöpfung ist ein sehr häufiges. Konzentrations- und Gedächtnisstörungen kommen vor, außerdem auch Atembeschwerden, Husten, Glieder- und Muskelschmerzen, Haarausfall sowie fehlender Geruchssinn. Am Anfang der Pandemie dachten wir, das Virus befällt nur die Lunge. Inzwischen wissen wir, dass es viele Organe schädigen kann: Herz, Hirn, Nieren, Darm oder die Innenwände der Gefäße. Entsprechend vielfältig sind die Beschwerden nach einer Infektion. Ich sehe hier in unserer Ambulanz junge, verzweifelte Menschen, die manchmal kaum mehr in der Lage sind, ihren Alltag zu bewältigen oder ihrem Beruf nachzugehen. Manche sind arbeitsunfähig. Manchmal führen die Symptome bis zur Depression.

Long-Covid oft nach mildem Krankheitsverlauf - Wiesbadener Ärztin berichtet von Leistungsschwäche

Waren diese Menschen zuvor schwer an Covid erkrankt?

Einige wenige ja, aber die meisten, die zu uns kommen, hatten einen eher leichten Krankheitsverlauf. Sie konnten sich zu Hause auf der Couch kurieren und merken nun, dass sie auch Wochen und Monate nach der Krankheit immer noch nicht wieder so leistungsfähig sind wie vor der Erkrankung.

Die Krankheit

Long Covid ist eine mögliche Krankheitsfolge einer Coronavirus-Erkrankung.

Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Die Symptome, die bis zur vier Wochen nach der Diagnose einer Corona-Erkrankung anhalten, zählen zur Akutphase.

Beschwerden , die zwischen vier und zwölf Wochen anhalten, würden in der Fachwelt meist als Long Covid bezeichnet, sagt Medizinerin Martina Lukas, was darüber hinausgehe, als Post Covid. In Deutschland habe sich aber inzwischen die Bezeichnung Long Covid durchgesetzt. „Man kann sagen, dass Beschwerden, die sechs Wochen nach der Infektion noch nicht abgeklungen sind, unter den Begriff Long Covid fallen.“

Nach Schätzungen treten bei etwa zehn Prozent der Menschen, die eine Covid-Erkrankung durchgemacht haben, verschiedene Langzeitbeschwerden auf. diu

Gibt es eine Gruppe, die besonders betroffen ist?

Wir können bestätigen, was in anderen Ländern auch schon beobachtet wurde: Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Die meisten unserer Patientinnen und Patienten gehören der Altersgruppe zwischen 25 und 55 Jahren an, also jener Gruppe, die unsere Gesellschaft trägt, Leute, die mitten im Arbeitsleben stehen. Es trifft auch junge, sportliche Menschen und nicht nur ältere mit Vorerkrankungen.

Wiesbadener Ärztin: Rund zehn Prozent der Corona-Infizierten leiden an Long-Covid-Symptomen

Welche Herausforderungen für das Gesundheitswesen sind mit Long Covid verbunden?

Inzwischen sind hier mehr als drei Millionen Menschen an Covid erkrankt. Wenn man davon ausgeht, dass zehn Prozent an Long Covid leiden, reden wir von rund 300 000 Menschen. Selbst, wenn wir konservativ zwei bis fünf Prozent zugrunde legen, ist die Zahl hoch. Ich denke, es ist wichtig, Daten über Long Covid zu sammeln und zusammenzuführen. Es sollte auch viel mehr über die Krankheit und deren Ausprägungen aufgeklärt werden. Und es müssen Angebote für Betroffene geschaffen werden. Wir merken, dass der Bedarf hoch ist.

Martina Lukas kam 2012 als leitende Oberärztin an den Fachbereich für Kardiologie der DKD in Wiesbaden. 2014 übernahm sie dessen kommissarische Leitung.

Wie werden Long-Covid-Erkrankte bei Ihnen therapiert?

Wir arbeiten hier in einem interdisziplinären Team. Das ist sehr wichtig und in unserer Klinik gut etabliert. Da Corona eine Multiorganerkrankung ist, werden die Patienten im ersten Schritt internistisch untersucht. Finden wir organische Probleme, wie zum Beispiel eine Schlafatemstörung, hohen Blutdruck oder Asthma, die zu Erschöpfung oder Leistungsminderung führen oder sie verstärken, leiten wir in unserer Tagesklinik eine spezifische Behandlung ein. Zusätzlich, im zweiten Schritt, ist es wichtig, über die Ursachen und Eigenarten der postinfektiösen Erschöpfung aufzuklären, darauf hinzuweisen, dass sie nicht psychischen, sondern neurologischen Ursprungs ist. Das ist für viele Patienten, die deswegen vielleicht schon mit unfreundlichen Bemerkungen konfrontiert wurden, eine Erleichterung.

Nach Coronainfektion und Long-Covid-Symptomen: Behandlungsmethoden aus Wuhan in Wiesbaden

Und wenn sich keine organische Ursache finden lässt?

Wir leiten die Patienten an, zeigen ihnen, wie sie – in ganz kleinen, vorsichtigen Schritten – ihre Leistungsfähigkeit zurückbekommen. Häufig muten sich die Leute zu viel zu, wenn es ihnen mal gut geht. Atemtherapie hilft gut, diese Erfahrung haben auch die Ärzte in Wuhan gemacht. Wir haben das übernommen. Schon das Wissen über ihre Krankheit befähigt die Patientinnen und Patienten, sich auf den Weg der Besserung zu begeben. Wenn die Beschwerden trotzdem bleiben, empfehlen wir eine Reha. Wir wissen von anderen postinfektiösen Erschöpfungssyndromen, dass sich die Beschwerden vermutlich bessern, wir können aber nicht vorhersagen, wann. Manchmal dauert es Wochen, manchmal auch Monate. (Interview: Diana Unkart)

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