„An Extemely Small Piece of Matter“ von Sita Ostheimer. Foto: Varvara Kandaurova

Hessisches Staatsballett

Ein neues Werk - in gerade Mal zwei Wochen 

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Vier Choreografinnen erarbeiten „Shortcuts“ für das Hessische Staatsballett in der Wiesbadener Wartburg.

Es ist ein Experiment: Vier Choreografinnen haben nur zwei Wochen Zeit, mit jeweils einer Hand voll Tänzerinnen und Tänzern des Hessischen Staatsballetts ein neues Werk zu erarbeiten. Aufführungsort ist die Wartburg, die nicht nur räumlich sehr beschränkte alternative Spielstätte der Wiesbadener Bühnen. „Shortcuts“ haben Ballettdirektor Tim Plegge und Kurator Bruno Heynderickx diesen zweistündigen Abend genannt. So wie Tastenkombinationen auf dem Computer, die einen schnell zum Ziel führen. Eine Abkürzung also, könnte man sagen.

Dass es ein Frauenquartett ist, das seine Kreativität entfalten darf, ist kein Zufall. Wie in vielen Bereichen des Lebens prägen auch bei der Gestaltung von Tanzstücken noch überwiegend Männer das Geschehen. Hier jedoch sind es junge weibliche Talente, die ihr Können präsentieren. Und dabei mit vielfältiger Schaffenskraft glänzen.

Die Niederländerin Wubkje Kuindersma eröffnet mit dem Beitrag „Shorts“. Man könnte ihn als eine Art Evolutionsgeschichte deuten.

Die anfangs sehr kämpferisch, mit raumgreifenden Gesten und Sprüngen agierenden Tänzer schlüpfen irgendwann in lila Ballonanzüge. Mechanischer werden ihre Bewegungen, die Körper beeinflussen einander, posieren wie bei Sportlern in immer wieder stockender Aktion. Die Musik, unter anderem von V. Thunders und Lightning, wirkt wie ein treibender Faktor, der keine Ruhe, aber eine Befreiung zulässt.

Die Chinesin Xin Xie, von der 2018 schon die Choreografie „From In“ im Kleinen Haus des Staatstheaters zu sehen war, schöpft in „Special Moment“ sehr poetische Bilder. Die sechs Tänzer tragen weite, helle Hemden und Hosen, die den Fluss begünstigen, mit dem sie über die Bühne gleiten. Manchmal stehen sie einfach nur am vorderen Rand der Fläche, frontal zum Publikum, die Arme weit und einander zugewandt zur Seite gestreckt. Eine fast zu simpel erscheinende Stellung, die sich jedoch fantastisch auflöst. Die Gruppe fällt ineinander zusammen, um in einem neuen Ganzen, als absonderliches Fabelwesen, wiederaufzutauchen. Klopfende Töne von Shaofeng Jiang und Meeresrauschen begleiten die Genese.

Nach der Pause führt die in Stuttgart ausgebildete Polin Katarzyna Kozielska per Spitze auf die „Kurzstrecke“. Im Mittelpunkt steht dabei der lange Ramon John. Den auch mit seiner Präsenz herausragenden Bewegungskünstler, der im vergangenen Jahr den Theaterpreis „Faust“ gewann, umkreisen zu sphärischen Klängen von Benjamin Magnin sechs Kolleginnen und Kollegen. Wie ein Raubvogel auf Beutezug greift sich der Umgarnte eine von ihnen heraus, hievt sie sich akrobatisch über die Schultern. Ein anderer mischt sich ein. Gemeinsam ergeben sich Chancen. Dann bleibt der Außenseiter wieder für sich.

Zum Abschluss wartet ein Stück Alltag. „An Extremely Small Piece Of Matter“ hat die frühere Frankfurter Studentin Sita Ostheimer ihr Finale zu einer Geräuschcollage von Donald Beteille genannt. In bunter Straßenkleidung rucken die sieben Performer als lebende Masse durch den Raum, scheinen mehr zu sein, als sie sind. Synchrones wird durchbrochen. Ein Entkommen gibt es nicht, die Mehrheit holt den Einzelnen ein. Als sie zerbricht, bleibt einer beständig.

Es gibt Versuche, die erscheinen riskant. Im Fall dieser Abkürzung lohnt sich der Mut auch für das Publikum.

Staatstheater Wiesbaden, Wartburg: 29. Mai, 29. Juni 

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