1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Der Abend der Kämpferin

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Claus-Jürgen Göpfert

Kommentare

"Die rote Heidi" und FR-Redakteur Göpfert (links in der Spiegelung).
"Die rote Heidi" und FR-Redakteur Göpfert (links in der Spiegelung). © Andreas Arnold

Als „rote Heidi“ wurde sie in den 70er Jahren bundesweit bekannt. An diesem 21. November feiert die Sozialdemokratin ihren 70. Geburtstag. Doch politisch aktiv will sie weiterhin bleiben.

Über dem Marktplatz spannen Arbeiter in grauen Latzhosen den Sternenhimmel. Die engen Budengassen des Weihnachtsmarkts stehen schon. Die Spitze der Marktkirche verschwimmt kurz vor 12 Uhr noch im Nebel und es scheint, als wolle es gar nicht recht Tag werden in Wiesbaden. Zwei müde Musik-Clowns mit Gitarre versuchen vergeblich, das Interesse der Handvoll Passanten in der Fußgängerzone zu gewinnen. Das Café Maldaner, hinter dessen Frontscheiben im warmen, gelben Licht allerlei weihnachtliches Gebäck lockt, wirkt wie eine festliche Oase für müde Wanderer. Unter den Stuckdecken hellrote Stoff-Lampenschirme, drapierte Samtvorhänge, kleine grüne und rosa Chaiselongues.

Die rote Haarfarbe der Besucherin passe doch gut zur hellgrünen Rückenlehne, meint der Kellner. Doch Heidemarie Wieczorek-Zeul lässt sich aufs rosa Plüschsofa plumpsen und ordert mit klarer Stimme, in der weiche hessische Untertöne mitschwingen, eine Flasche Mineralwasser. Mehr nicht. Sie liebe die Atmosphäre im Maldaner, erzählt begeistert, dass es zum ersten Wiener Kaffeehaus außerhalb der österreichischen Hauptstadt gekürt wurde, von den Wiener Gastronomen natürlich.

Keine Wehmut

Am Vorabend hat ein SPD-Unterbezirksparteitag den Mann gewählt, der ihr Nachfolger im Bundestag werden soll, den Gewerkschafter Simon Rottloff. Seit 1987 hatte sie das Mandat der Landeshauptstadt inne, doch nun tritt die Sozialdemokratin nicht mehr an. Die „rote Heidi“, die unter diesem Spitznamen seit Jahrzehnten zur politischen Folklore der Bundesrepublik gehört, feiert am heutigen Mittwoch ihren 70. Geburtstag. Aber Wehmut liegt ihr fern. „Ich habe nicht das Gefühl, Abschied zu nehmen – ich bleibe ja mittendrin.“

Mittendrin: Sie geht weiter zu Treffen ihres Ortsvereins, bleibt Parteitagsdelegierte. Gerade hat sie noch einen Antrag zur Kontrolle von Waffenexporten formuliert, der mit großer Mehrheit von der Basis getragen wurde.

#infobox

Und sie bleibt eine Linke? Langes Zögern. „Ich überlege“, sagt sie, dann: „Das ist ein sehr breiter Begriff.“ Prompt spult sie routiniert Schlagworte ab: Guter Lohn für gute Arbeit, die Wirtschaft nicht von den Banken bestimmen lassen und so weiter …

Unpolitische Familie

Sie verstummt schließlich. Im Frankfurter Stadtteil Seckbach geboren, „in einer unpolitischen Familie“, wies zunächst nichts auf die große Karriere hin: In Rüsselsheim arbeitete sie bis Mitte der 70er Jahre als Lehrerin, unterrichtete die Kinder der Opel-Arbeiter. „Wenn ich heute sehe, wie General Motors Opel einquetscht, dann geht mir das nah.“ Vor kurzem in der S-Bahn nach Wiesbaden sprach sie ein mittelalter Mann an: „Kennen Sie mich noch?“ Es war einer ihrer Schüler, mittlerweile 52 Jahre alt. Der kleine Saal im Obergeschoss des Cafés füllt sich jetzt mit dem Publikum, das typisch ist für das Maldaner: das alteingesessene, begüterte Bürgertum der Stadt, aber auch junge Kreative. Duftende Suppen kommen auf den Tisch.

Links: Als sie 1965 in die SPD eintrat, war dieser Begriff noch klar umrissen, nicht so beliebig schillernd wie heute. Die junge Lehrerin ging in die Partei unter dem Eindruck der Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, die der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gegen die SS-Wachleute des Konzentrationslagers initiiert hatte. „Als ich mich damit beschäftigte, was im KZ geschehen war …“. Sie lässt den Satz unvollendet, spricht schließlich vom „schweren Schock“. Die junge Sozialdemokratin wollte „alles tun,damit das nie mehr passieren kann“. Das prägte sie. Als die Studenten auf die Straße gingen gegen die Notstandsgesetze, gegen den Vietnamkrieg war sie dabei: „Wir Jusos bildeten die Brücke zur Studentenbewegung, wir haben das in die SPD getragen.“ Damals gab es „wenige Frauen in der Politik“. Eine von ihnen war Wieczorek-Zeul, die 1974 zur Juso-Bundesvorsitzenden gewählt wurde.

Der große Helfer Brandt

Sie traf auf Willy Brandt – es blieb die zentrale Begegnung ihres Lebens. Noch heute schwärmt sie von ihm, „einem der zivilisiertesten Menschen“, die sie je kennenlernte. „Ich habe immer Unterstützung von Brandt gehabt“, und die konnte die Juso-Vorsitzende gut gebrauchen, wenn sie mit ihren linken Positionen in der SPD unter Druck geriet. Gewiss, er erschien „manchmal verschlossen“. Aber zugleich „hatte er immer Zeit“, ein Phänomen. Brandt trug „maßgeblich“ dazu bei, dass Wieczorek-Zeul 1979 auf einem guten Listenplatz ins Europaparlament gelangte. Dort arbeiteten sie zusammen. Und Brandt, der auch Präsident der Sozialistischen Internationale wurde, weitete ihren Blick für die Nöte der Dritten Welt. 1981 fuhr die Abgeordnete zum ersten Mal durch Mittelamerika. Auch diese Reise geriet zum Schock.

„Wir erlebten zwei Welten: Die offizielle, die sich in Palästen aus der Kolonialzeit und in Büros abspielte, und eine Alltagswelt voller Schrecken und Tränen … Erschreckend war die mit Händen zu greifende Gewalt … Der Staat war selbst zum Terroristen geworden, Polizei und Behörden übten Gewalt aus und begingen systematisch Unrecht“, so schreibt sie in ihren Erinnerungen „Welt bewegen“.

„Zufrieden bin ich nie“

Es war die erste von vielen Reisen dieser Art – allein in ihrer Zeit als Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung von 1998 bis 2009 gab es Dutzende. Konnte sie den ärmsten der Armen tatsächlich helfen? Wieder eine lange Pause, in der Wieczorek-Zeul um ihre Worte ringt. „Zufrieden bin ich nie“, sagt sie schließlich leise, „aber ich bin Optimistin.“

Sie sieht Fortschritte. Das Engagement gegen Aids sei vorangekommen. „Der Marktradikalismus ist krachend gescheitert, dafür gibt es eine Globalisierung von Solidarität, eine ganz andere weltweite Vernetzung von Personen als früher.“ Die Bekämpfung der Armut zeige Erfolge, „aber die Entschuldung der ärmsten Entwicklungsländer bleibt auf der Tagesordnung.“ Ihr Kampf geht weiter. Gegen Waffenexporte. Keine Kampfpanzer nach Saudi-Arabien und Indonesien. Für einen eigenen Palästinenserstaat, gerade gegenwärtig nötiger denn je. „Wir dürfen nicht länger zusehen, dass die Israelis ihre Siedlungen in Palästina weiter ausbauen.“

Spitze gegen Steinbrück

Wir verstummen beide. Die Politikerin zahlte einen Preis. Ihre Ehe mit dem Sozialdemokraten Norbert Wieczorek wurde vor mehr als drei Jahrzehnten geschieden. „Ich habe mich so entschieden, dass ich keine Kinder bekommen habe.“ Zum Geburtstag kommen ihre Schwester aus Madrid und ihr Freundeskreis: „Das ist meine Familie.“ Ironischerweise trat sie stets dafür ein, dass sich Beruf und Privatleben vereinbaren lassen, war eine Vorkämpferin für die Frauenquote. „Noch als Vorsitzende vom SPD-Bezirk Hessen-Süd in den 90er Jahren traf ich hauptsächlich auf Männer.“ Den jungen Frauen rät die ältere heute, „eine eigene berufliche Basis“ zu schaffen, um „nicht abhängig zu werden von der Gnade derer da oben“.

Jetzt lacht sie, ein Lachen, das ganz von innen aufzusteigen scheint. Die „rote Heidi“ ist mit sich im Reinen. Dazu gehört auch, dass sie sich heute die Freiheit nimmt, bestimmte Positionen der SPD-Linken nicht zu teilen. Zum Beispiel den Vorwurf, dass der Kanzlerkandidat Peer Steinbrück der Partei von oben aufgezwungen worden sei. „Wenn man einen Mitgliederentscheid gewollt hätte, hätte man sich äußern müssen“, kontert Wieczorek-Zeul schmallippig. Sie hält Steinbrück nach wie vor für „den Richtigen“. Er könne auch jetzt noch glaubhaft gegen die Macht der Banken streiten. Trotz seiner immensen privaten Einkünfte.

„Ich halte Vorträge, da kriege ich überhaupt keine Honorare.“ Diesen Satz kann sie sich freilich nicht verkneifen.

Draußen auf dem Marktplatz kann der Weihnachtsmarkt kommen. Der Sternenhimmel flammt auf. Heidemarie Wieczorek-Zeul will ihren Lebensabend in Wiesbaden verbringen. „Es hat alle Elemente einer Großstadt, es liegt traumhaft, der Rheingau ist vor der Tür.“

Und jetzt möchte sie endlich das Mittagessen auswählen.

Auch interessant

Kommentare