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Wiesbaden: Mehr Infos zu den Luftströmen im Westfeld gefordert

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Von: Madeleine Reckmann

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Im Westfeld wird noch Landwirtschaft betrieben.
Im Westfeld wird noch Landwirtschaft betrieben. © Michael Schick

Aktionsgemeinschaft steht einer Bebauung skeptisch gegenüber. Mehr Daten sollen die Abwägung der Argumente erleichtern.

In der Bürgerfragestunde im Umweltausschuss hat sich mal wieder gezeigt, wie verwoben die Probleme in Wiesbaden mit denen der Welt sind. Thema ist die mögliche Bebauung der Perspektivfläche West. Es tauchen Fragen auf, die das kleine Westfeld zum Kristallisationspunkt für die Zusammenhänge der von Menschen gemachten Erderwärmung mit allen Problemen macht, die ihr folgen. Die Debatte ist konstruktiv. Gegner und Gegnerinnen des neuen Stadtviertels und Vertreter:innen der Verwaltung hörten sich einander zu.

Würde die Versiegelung des wertvollen Ackerbodens den Klimawandel nicht befördern? Und zusätzlich Menschen aus anderen Weltgegenden zur Flucht zwingen? „Und sind die landwirtschaftlichen Betriebe auf dem Gelände nicht notwendig für die stadtnahe Versorgung von Lebensmitteln? - Gerade jetzt“, fragt Urban Egert, Mitglied in der Aktionsgemeinschaft ‚Westfeld erhalten‘ und spielt wohl auf die Versorgungprobleme durch Russlands Krieg in der Ukraine und die hohen Lebensmittelpreise an. Die Aktionsgemeinschaft möchte die Bebauung der Gärten und Felder im Westfeld verhindern, weil sie eine Überhitzung der angrenzenden Quartiere Freudenberg und Sauerland befürchtet. Denn das neue Stadtviertel könnte in künftigen Hitzesommern eine Barriere für die erfrischenden Luftströme bilden, so die Sorge,

Dass es nicht ganz so einfach ist, macht Sven Kötschau vom Dezernat für Stadtentwicklung klar. „Kurze Wege sind der beste Klimaschutz“, erwidert er. Wohnen in der Stadt sorge für weniger, Wohnen im Umland für mehr Verkehr. Bei der Erstellung des Flächennutzungsplans - um das geht es der Verwaltung aktuell - seien viele öffentliche Belange zu berücksichtigen: Schließlich habe Wiesbaden als Teil der wachsenden Rhein-Main-Region Pflichten zu übernehmen, etwa Wohnraum bereit zu stellen. Im Westfeld könnten 1500 Wohnungen entstehen. Debatten über eine Bebauung seien „gut und wichtig“, resümiert Kötschau. Die Politik habe am Ende aber die unterschiedlichen Interessen abzuwägen und eine Entscheidung für die ganze Stadt zu treffen, nicht nur für die Anwohner.

„Wir müssen in der Stadt diskutieren, ob Wiesbaden wachsen soll und wo“, macht Umweltdezernentin Christiane Hinninger (Grüne) deutlich, und zwar „auf der Basis von Fakten“. Aber viele Daten fehlten noch, sagt sie. Um die ökologischen Faktoren bewerten zu können, müsse die Verwaltung zunächst ein gesamtstädtisches Klimagutachten, einen Landschaftsplan, Studien zum Artenschutz, Bodenschutz und zu landwirtschaftlichen Flächen vorlegen und die Belange von Freizeit, Sport und Kleingärtnern einbinden. Erst dann könne die Abwägung beginnen, ob das Westfeld bebaut werden soll.

Aus Sicht von Sebastian Kupski vom Institut für Klima- und Energiekonzepte, der im Auftrag der Stadt die Luftströme untersucht, seien drei- oder vierstöckige Gebäude kein Hindernis für erfrischende Lüftchen in heißen Sommernächsten. Er gibt zwar zu, dass eine Bebauung zunächst Kaltluftströme vernichte. Aber sie müsse nicht vollständig verschwinden. Bei sensibler Planung könne die Kaltluft über Korridore durch das Viertel strömen, weil bekannt sei, aus welcher Richtung sie fließe, erklärt er. Dach- und Fassadenbegrünung und Grünzüge zwischen den Gebäuden könnten sogar einen Teil der Kaltluft produzieren.

Aber das Abwägen solle ergebnisoffen geschehen, fordert Christina Kahlen-Pappas von der Aktionsgemeinschaft. Um sich ein vollständiges Bild zu machen, fehlten Daten, wie sich die Luftströme veränderten, wenn sie auf Gebäude treffen, und wie sich der Klimawandel auswirke. So lange diese Informationen nicht vorlägen, sei die Bebaubarkeit des Westfelds „nichts als eine steile These“.

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