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Wiesbaden: Keine Atteste mehr, um Gesundheit zu bescheinigen

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Von: Madeleine Reckmann

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Die Kinderstation der Horst-Schmidt-Kliniken.
Die Kinderstation der Horst-Schmidt-Kliniken. © Michael Schick

Kitas und Schulen sollen auf den Nachweis verzichten, um Kinderarztpraxen zu entlasten

So viele kranke Kinder wie zurzeit habe er noch nie erlebt, berichtet der Wiesbadener Kinder- und Jugendarzt Joachim Enders. Er sei dankbar, der Politik die Probleme aus seiner Praxis einmal schildern zu dürfen, und er fordere sie auf, zu helfen, sagt er den Mitgliedern des Ausschusses für Wirtschaft und Gesundheit, die um einen Einblick in die medizinische Versorgung in der aktuellen Infektionswelle gebeten hatten.

Es sei nicht nur die hohe Zahl an mit dem Influenza- oder RS-Virus (Respiratorisches Synzytial-Virus) erkrankten Patient:innen, die den Pädiater:innen die Arbeit erschwerten, sagt Enders. Auch die Bedingungen verschlechterten sich: Viele Eltern könnten nicht mehr zwischen leichten und schweren Erkrankungen unterscheiden, viele würden nicht ausreichend Deutsch sprechen, einige Medikamente seien nicht erhältlich, und die Krankenhäuser könnten wegen Überfüllung nicht alle Kinder aufnehmen.

„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“ So beschreibt die Kinder- und Jugendärztin Soraya Seyyedi die dramatische Situation. Das Personal sei überlastet und am Ende seiner Kräfte, die Eltern oft angespannt und verzweifelt. Was in dem Trubel besonders störe, berichtet Seyyedi weiter, seien Mütter und Väter, die mit Lapalien in die Sprechstunde kämen: Wegen leichter Erkrankungen ihrer Sprösslinge oder weil sie Bescheinigungen für die Kindertagesstätten oder Schulen bräuchten, dass ihr Kind gesund sei.

Die Situation grundlegend zu verbessern, liegt nicht in der Macht der Kommune. Aber mit den sogenannten Gesundschreibungen, für die es keine rechtliche Grundlage gibt und die viele Einrichtungen dennoch fordern, soll nun Schluss sein. Der Ausschuss hat beschlossen, dass die Stadtverwaltung Kitas und Schulen auffordern soll, keine Atteste mehr zu verlangen, die bescheinigen, dass das Kind nach einer Erkrankung genesen ist. Unnötig sei zudem, bei Schulunfällen jedes Mal den Rettungsdienst zu rufen, sagt Enders. Das entziehe dem unter Druck stehenden Rettungssystem Kapazitäten, die an anderer Stelle fehlten. Angeregt wurde, die Website ‚Ein gesundes Wiesbaden‘ in einfacher Sprache zu verfassen, damit sich Menschen mit Sprachproblemen einfacher informieren könnten.

HSK stellen Personal ein

Die Situation in der Kinderklinik der Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) habe sich etwas entspannt, berichtet Sayyedi, die als Obfrau des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte mit anderen niedergelassenen Kolleg:innen vor zwei Jahren eine Kampagne gegen den Sparkurs an der Klinik losgetreten hatte. Die HSK haben ihre Kapazitäten für die Behandlung von RSV- und Influenza-Patient:innen temporär erweitert, berichtet der Chefarzt der Kinderklinik Alex Veldman. Eine Kinderstation sei für RSV- und Influenza-Kinder reserviert und eine weitere eröffnet worden. Damit stünden neben den vorhandenen 16 RSV-Betten zwölf weitere bereit.

Im Vergleich zu 2020 sei die Bettenkapazität von 55 auf 74 Betten gestiegen, teilen die HSK auf Anfrage mit. Die Fallzahlen haben sich von 2150 stationären Behandlungen 2020 auf 3420 gesteigert. Auch Personal sei aufgebaut worden. Anfang 2023 sollen alle Stellen in der Kinderklinik besetzt sein, das seien vier Vollzeitkräfte mehr als vor zwei Jahren. In der Pflege seien noch sieben von 130 Stellen unbesetzt.

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