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In weiten Teilen Europas ist der Gartenschläfer mit der markanten Zorromaske über den Augen nicht nachzuweisen. 

Gefährdete Tierart

Wiesbaden ist die Hauptstadt der gefährdeten Gartenschläfer

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In keiner Stadt in Deutschland leben so viele der Nagetiere wie in Wiesbaden. Fast in ganz Europa findet sie nicht mehr. Forscher wollen herausfinden, warum das so ist.

Er wohnt gerne in Bäumen, auf Dachböden und in Gartenhäusern und dies bevorzugt in Wiesbaden. In der Innenstadt und ihren östlichen Stadtteilen Bierstadt, Schierstein und Mainz-Kastel leben besonders viele Gartenschläfer. Warum das Nagetier in den westlichen Wiesbadener Stadtteilen weniger häufig und in anderen deutschen Städten gar nicht anzutreffen ist, stellt die Wissenschaftler vor ein Rätsel. In weiten Teilen Europas sei der kleine Bilch mit der markanten Zorromaske über den Augen nicht mehr nachzuweisen, haben Wissenschaftler festgestellt. Seine Bestände in Sachsen, Bayern und dem Schwarzwald sind eingebrochen. Die Hälfte des Verbreitungsgebiets ist in den vergangenen 30 Jahren verloren gegangen.

Eine ehrenamtliche Naturschützerin kontrolliert einen Nistkasten in einer Streuobstwiese in Igstadt.

Mit dem Forschungsprojekt „Spurensuche Gartenschläfer“ will der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gemeinsam mit der Justus-Liebig-Universität Gießen und dem Senckenberg-Institut für Naturforschung den Gründen für das Verschwinden der Gartenschläfer nachgehen. Seit einem Jahr fordert der BUND die Menschen in ganz Deutschland auf, zu melden, wenn sie einen Gartenschläfer sehen. Hunderte Meldungen gingen seither ein. Das vorläufige Ergebnis: Der Großteil der Gartenschläfer lebt am Rhein zwischen Mannheim und der Grenze zu den Niederlanden. Aus Wiesbaden liegen die meisten Meldungen vor. Der BUND hat Wiesbaden daher zur Hauptstadt der Gartenschläfer erklärt. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, warum sich die Tiere am Rhein so wohlfühlen. „Wir wissen leider kaum etwas über die Tierart“, sagt Susanne Schneider, die beim BUND Hessen zuständig für das Gartenschläferprojekt ist.

Wie groß die Wiesbadener Population oder der Bestand in Deutschland ist, ist ebenso unbekannt wie das Verhalten der Schlafmaus. Welche Lebensräume besiedeln Gartenschläfer? Welche Rolle spielen Konkurrenten oder Jäger für den Bestand?

TIERE MELDEN

Gartenschläfer gehören wie Siebenschläfer und Haselmäuse zu den Bilchen. Sie fressen Insekten, kleine Tiere und Obst.

Am Quietschen, Pfeifen und Murmeln in der Nacht lässt sich erkennen, ob Gartenschläfer ins Haus oder in den Garten eingezogen sind. An Obst, etwa Äpfeln, finden sich typische Fraßspuren.

Zu melden sind Gartenschläfer unter www.meldestelle.gartenschlaefer.de. Fotos, Videos, Audioaufnahmen oder tot gefundene Tiere helfen den Forschern sehr.

Bundesweit beteiligen sich bisher 270 Freiwillige am Projekt. Es gingen bereits 1200 Meldungen von 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein.

Das Forschungsprojekt „Spurensuche Gartenschläfer“ wird durch das Bundesprogramm „Biologische Vielfalt“ gefördert. 

Bundesweit beteiligen sich 270 Freiwillige am Projekt. „Ohne unsere Bürgerwissenschaftler geht es nicht“, sagt Schneider. Die freiwilligen Helfer montieren etwa Nistkästen, von denen auch auf einer Streuobstwiese in Igstadt 25 aufgehängt wurden. Oder sie verlegen Spurentunnel, in denen die Tiere ihre Fußabdrücke hinterlassen.

Alles wird untersucht, was von Gartenschläfern gefunden wird: Wissenschaftler der Universität Gießen weisen anhand von Kotproben nach, was das Tier gefressen hat. Zudem suchen sie in Kadavern nach Krankheitserregern und Parasiten. Die Senckenberggesellschaft erstellt eine Genetikdatenbank, um regionale Genpoole zu identifizieren. Spielt genetische Verarmung für den Rückgang der Art eine Rolle? „Unser Ziel ist es, bis 2024 wirksame Schutzmaßnahmen zu entwickeln, um die Gartenschläferpopulationen zu sichern“, sagt die Wildbiologin Schneider.

Sobald die Bilche im April aus ihrem Winterschlaf aufwachen, sollen einige „Dormouse Monitoring Units“ (Domos) bereitliegen. Das ist ein Röhrensystem, das die neugierigen Schlafmäuse freiwillig erkunden. Im Inneren sind technische Vorrichtungen angebracht, die Fotos von den Gartenschläfern machen, sie wiegen und Haarproben entnehmen sowie die Klimadaten aufzeichnen. Auch in Wiesbaden werden Domos-Geräte eingesetzt. Schneider erhofft sich davon Aufschlüsse über die Populationsstärke und die Familienstrukturen.

In Wiesbaden beginnen die Forscher im Frühjahr auch mit der Telemetrie. Den Tieren werden winzige Funkhalsbänder angezogen, mit denen sie geortet werden können. So können Lebensräume und Habitatrequisiten identifiziert werden, die Gartenschläfer benötigen. Vielleicht sind dadurch die kleinen Zorros zu retten.

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