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Wiesbaden: Hakenkreuzplakat im Staatstheater

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Von: Andrea Rost

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Das Hessische Staatstheater in Wiesbaden steht kurz vor der „Biennale“ in den Schlagzeilen.
Das Hessische Staatstheater in Wiesbaden steht kurz vor der „Biennale“ in den Schlagzeilen. © Renate Hoyer

Der jüdische Orchesterdirektor, Ilia Jossifov, berichtet von Antisemitismus und Mobbing im Büro von Theaterdirektor Holger von Berg. Der weist die Vorwürfe entschieden zurück. Jetzt soll eine externe Expertin die Vorgänge am Hessischen Staatstheater aufklären.

Ein Plakatentwurf aus Bayreuth, auf dem ein Hakenkreuz, hinterlegt mit einem Konterfei von Richard Wagner, zu sehen ist, sorgt derzeit rund um das Hessische Staatstheater in Wiesbaden für Wirbel. Das Plakat hing bis vor kurzem im Büro des geschäftsführenden Theaterdirektors Holger von Berg, der 2017 als zweiter Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele die Veranstaltungsreihe „Diskurs Bayreuth“ mit ins Leben gerufen hatte. Sie sollte die Verstrickung der Festspiele in die nationalsozialistischen Verbrechen und deren Folgen für die Musik nach dem Zweiten Weltkrieg thematisieren.

Er habe sein Vorstellungsgespräch im Büro von Holger von Berg unter dem Nazisymbol führen müssen, beklagt jetzt der israelische Konzertmusiker Ilia Jossifov, der seit April Orchesterdirektor am Staatstheater ist. In einem Interview, das er mit der Plattform honestlyconcerned.info des Frankfurters Sacha Stawski geführt hat, berichtet der 52-Jährige von „schrecklichen Dingen“, die seinen jüdischen Angehörigen im Holocaust widerfahren seien. „Mein Onkel ist vor den Augen meiner Oma lebendig verbrannt worden.“ Mehrmals habe er in von Bergs Büro, wo das Hakenkreuzplakat an der Wand hing, Gespräche geführt. „Ich hatte große Visionen für Wiesbaden, wollte einiges umgestalten“, sagt Jossifov. Seitens des Theaterdirektors habe er dabei massives Mobbing erlebt. Holger von Berg habe ihm bedeutet, dass er ihn für den Posten des Orchesterdirektors für ungeeignet halte, auch das Wort „inkompetent“ sei gefallen, schildert Jossifov in dem Video, das online steht. Versuche, trotz allem mit dem Theaterdirektor konstruktiv zusammenzuarbeiten, seien gescheitert. Ein Brief, den er an Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) schickte, blieb lange Zeit unbeantwortet. Bei einem Gespräch, das er vor kurzem mit einem Ministeriumsmitarbeiter führte, sei es vor allem darum gegangen, wie die „Bild“-Zeitung an die Informationen gelangt sei. Das Blatt hatte als Erstes über den Fall berichtet und den Begriff „Hakenkreuz-Skandal“ verwendet.

Holger von Berg lässt aktuell seine Anwälte für sich sprechen. „Unser Mandant weist jegliche Vorwürfe des Antisemitismus oder der Unterstützung des Nationalsozialismus entschieden von sich“, heißt es in einem Schreiben der Frankfurter Kanzlei. Von Berg sei mittlerweile bewusst geworden, dass der Aussagegehalt des Plakats, das den Nationalsozialismus auf Schärfste verurteile, für Außenstehende nicht hinreichend deutlich wurde. Keinesfalls sei beabsichtigt gewesen, Mitmenschen zu verletzen. „Unser Mandant möchte bei allen Personen, die sich durch die Plakate verletzt gefühlt haben, aufrichtig um Entschuldigung bitten.“ Zu keinem Zeitpunkt sei es zu Mobbing des jüdischen Orchesterdirektors gekommen, betonen von Bergs Anwälte. Die Zusammenarbeit mit Ilia Jossifov habe stets auf professioneller Ebene stattgefunden. Sachliche Kritik könne nicht objektiv als Mobbing bezeichnet werden.

Der Intendant des Hessischen Staatstheaters, Uwe Eric Laufenberg, hat mittlerweile Ministerin Dorn und den Wiesbadener Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) aufgefordert, von Berg zu beurlauben, wie Ministeriumssprecher Volker Schmidt der FR bestätigte. Jossifov habe am 18. August über sein Management dem Ministerium eine schriftliche Darstellung des gesamten Sachverhalts vorgelegt. Das Ministerium nehme die Schilderungen sehr ernst, so Schmidt. Die Beteiligten seien um eine Stellungnahme gebeten worden. Die Träger des Staatstheaters, das Land Hessen und die Stadt Wiesbaden, hätten entschieden, den Sachverhalt durch eine erfahrene Expertin extern bewerten zu lassen. „Ziel ist es, mit allen Beteiligten an der Verständigung zugunsten einer respektvollen, gemeinsamen Zusammenarbeit am Staatstheater Wiesbaden zu arbeiten.“

Aus Sicht des hessischen Antisemitismusbeauftragten Uwe Becker (CDU) handelt es sich bei den Vorkommnissen am Wiesbadener Staatstheater „nach derzeitigem Kenntnisstand nicht um Antisemitismus, sondern eher um Konflikte im zwischenmenschlichen Umgang“. Dabei scheine es weniger um die Plakatmotive zu gehen als um einen grundsätzlich vorhandenen Konflikt. „Dies sollte zum Anlass für einen selbstkritischen Umgang aller Beteiligter am Staatstheater mit der gegenwärtigen Situation genommen werden.“

Die FDP-Fraktion im Landtag fordert in einer kleinen Anfrage Aufklärung darüber, wie das Ministerium mit der Angelegenheit umgehen will. Der kulturpolitische Sprecher Stefan Naas zieht Parallelen zur Documenta. „Ministerin Angela Dorn muss ihrer Verantwortung gerecht werden und deutlich machen, dass sie die Vorwürfe und das Thema Antisemitismus ernst nimmt.“

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