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Wiesbaden: Finsternis als Mutmacher im Schloss Freudenberg

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Von: Madeleine Reckmann

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Goethe glaubte, dass Schattenbilder etwas über den Charakter aussagen. Merkmale werden sichtbar, die sonst übersehen werden.
Goethe glaubte, dass Schattenbilder etwas über den Charakter aussagen. Merkmale werden sichtbar, die sonst übersehen werden. © Michael Schick

Neue Dauerausstellung widmet sich dem Thema Dunkelheit. Ein Angebot gegen das Schwarzsehen in schwierigen Zeiten.

In den Schrank zu kriechen, der sich zu einem Raum öffnet, und in völliger Finsternis den Inhalt der Manteltaschen zu ertasten, das ist nicht gruselig sondern eine tolle Erfahrung. Rund und glatt – Kugel, hart und geriffelt – Muschel. Es gibt auch weichere Dinge, Gummiartiges. Was das ist? Keine Ahnung. „Es hat etwas Zärtliches, die Dinge in der Dunkelheit zu erspüren“, erklärt Katharina Schenk, Vorstandsmitglied im Verein Gesellschaft Kunst und Natur im Schloss Freudenberg. Die Unsicherheit in der Finsternis schwächt sich durch das definierte Material in den Händen ab.

Die Furcht zu verlieren, ist Absicht. Das Schloss Freudenberg, das in der über Hundert Jahre alten schlossartigen Villa in Wiesbaden seit den 1990er Jahren ein „Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und der Gedanken“ anbietet, hat jetzt eine neue Dauerausstellung eingerichtet. Das neue Erfahrungsfeld Dunkelheit nutzt die finsteren Kellerräume. Andere Säle werden abgedunkelt, um im Dämmerlicht die richtige Atmosphäre für das Spiel mit Licht, Schatten und Dunkelheit zu erreichen. „Das Thema soll die Unsicherheit der Welt spiegeln“, sagt Schenk, deren Eltern das Konzept der Erfahrungsfelder entwickelten. Die Ungewissheit, die die aktuellen Welt-Konflikte erzeugten, machten vor allem jungen Menschen Angst.

Dem Schwarzsehen in Gefühlen und Gedanken setzt die Ausstellung Lichtmomente und Erleuchtungen entgegen. Der Künstler Frédéric Ecker zeigt etwa, dass Nahrhaftes oder Wunderliches ohne Licht gedeihen kann. Im Dunkelgang lässt er Pilze wachsen, der Austern-Seitling soll bald in einem Pilzrisotto landen. Im Kohlenkeller wachsen leuchtende Pilze; biolumineszent ist das Fachwort. Die kleinen Lichtwunder sind hochgiftig, keinesfalls sollte davon genascht werden.

Tickets

Die Reise durch das Erfahrungsfeld Dunkelheit dauert 90 Minuten.

Öffnungszeiten sind dienstags bis freitags 9 bis 15 Uhr und samstags, sonntags und feiertags von 11 bis 18 Uhr.

Kontakt: 0611/4110141 und erfahrungsfeld@schlossfreundenberg.de

Tickets kosten 21 Euro. Ermäßigungen gibt es für Kinder, Jugendliche und Auszubildende. mre

Acht ukrainische Künstlerinnen haben das Musikstück „Von einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen“ komponiert und aufgenommen. Das Stück mit Streichinstrumenten und Gesang, das in kompletter Finsternis im Kohlenkeller zu hören ist, soll Schrecken und Hoffnung vermitteln. Die diversen Schattenspiele zeigen, wie sich Wahrnehmung verändert, wenn nur Umrisse zu sehen sind. Manche Dinge sind dabei klarer zu erkennen als im Hellen.

Die Fotoausstellung des blinden Künstlers Evgen Bavcar, der als Zwölfjähriger sein Augenlicht verlor, erstaunt. Er erstellt Fotografien mit Unterstützung von Assistenten und technischen Geräten. „Ich sehe in der Transzendenz und mit Imagination“, sagt der gebürtige Slowene, der heute in Paris lebt. Er lasse sich die Motive beschreiben, teils ertaste er sie. Das Auge entferne die Dinge, ist er überzeugt. Das Ergebnis seiner Methode sind ausdrucksstarke schwarz-weiß-Fotografien. Bekannte Menschen saßen Bavcar schon Modell, etwa die Schauspielerin Hanna Schygulla, von der eine Fotografie unter den Ausstellungsstücken ist. Aus der Dunkelheit können also Schönheit und Sinn erwachsen. Man muss sich nur auf sie einlassen – und mutig sein.

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