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Wie ein Arzt zum Peiniger wurde

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Von: Michael Humboldt

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Ursula Luise Link bereichert den Band „Unterwegs in Bad Nauheim“ mit einer Geschichte über „Dr. Tod“ Aribert Heim. Nici Merz © Nicole Merz

Ursula Luise Link hat Nazi-Arzt „Dr. Tod“, wie er genannt wurde, literarisch wieder zum Leben erweckt. In der neuesten Anthologie „Unterwegs in Bad Nauheim“ des Autorenclubs Wetterau beschreibt sie eindrucksvoll die schrecklichen Taten von Aribert Heim und sein zurückhaltendes Wesen als Arzt in der Wetterau.

Ursula Luise Link hat beim Treffen ein druckfrisches Exemplar von „Unterwegs in Bad Nauheim“ dabei, das sie am gleichen Tag noch in den Buchhandlungen der Stadt verteilt. Einmal mehr haben sieben Literatur-Enthusiasten vom Autorenclub Wetterau eindrucksvoll über „Menschen, Orte, Begebenheiten“ der Kurstadt reflektiert.

Ursula Luise Link hat das neue Bad-Nauheim-Werk nicht nur lektoriert, sondern auch eine bewegende Geschichte beigesteuert. „Mich hat es interessiert, wie positiv gestimmte Menschen durch ideologische Verblendung solche Scheußlichkeiten vollbringen können“, sagt sie. Denn ihre Geschichte dreht sich um Aribert Heim, der hierzulande als freundlicher Arzt bekannt war, zuvor aber in drei Konzentrationslagern für die Hitler-Diktatur unvorstellbar grausame Behandlungen an Gefangenen durchgeführt hatte. „Mich hat es einfach beschäftigt, wie ein Arzt zum Peiniger werden kann. Wie er so schreckliche Taten ausführen kann, die er privat nie übers Herz gebracht hätte“, wundert sich Ursula Luise Link.

ZUR PERSON

Die Autorin lebt in Oppershofen und war Lehrerin an der Henry-Benrath-Schule in Friedberg. Politik, Englisch und Geschichte waren ihre Fächer.

Die literarische Umsetzung der Biografien historischer Persönlichkeiten interessiert sie. „Vorrangig habe ich Science Fiction und Bücher über Gesellschaftsutopien verschlungen.“

Als Lieblingsbuch nennt Link „Animal Farm“ von George Orwell. mi

Aribert Heim promovierte im Jahr 1940 und meldete sich dann gleich freiwillig bei der Waffen-SS. In den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Buchenwald und Mauthausen war er als Lagerarzt tätig. „Nach Angaben der Gedenkstätte Mauthausen operierte Heim ungefähr 220 Häftlinge. Hiervon starben 53 in den ersten Tagen nach der Operation. Zeugen sagten aus, der SS-Arzt habe sie bei vollem Bewusstsein operiert. Er habe die schwierigsten Operationen wie Magen-, Leber-, sogar Herzoperationen an gesunden Häftlingen zu Versuchszwecken durchgeführt. In anderen Fällen habe er Insassen durch Herzinjektionen getötet“, berichtet Link, die seit 2016 elf eigene Bücher veröffentlicht hat.

„Dr Tod. Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher“, heißt ein Buch von Nicholas Kulish und Souad Mekhennet, das auch die heimische Autorin gelesen hat. Zudem hat sie in Zusammenarbeit mit Alexander Jung viele Recherchen im Bad Nauheimer Stadtarchiv unternommen. Denn für sie war in ihrer literarischen Aufarbeitung auch der lokale Aspekt wichtig. „Aribert Heim spielte 1948 mit dem VfL Bad Nauheim um die Deutsche Eishockey-Meisterschaft. 43-mal war der Kleiderschrank, wie er genannt wurde, für den VfL als Verteidiger aktiv“, erfährt man. Gearbeitet habe er zunächst im Sanatorium Hahn in der Karlstraße, später für ein Jahr im Bürgerhospital Friedberg in der Inneren Medizin und Chirurgie. Dr. Wilhelm Kramer, Chirurg und Chefarzt des Krankenhauses, wird im Buch so zitiert. „Er hat die ihm anvertraute Station sorgfältig geführt und bei allen großen Eingriffen der Bauch- und Unfall-Chirurgie assistiert. Mit seiner aufrechten und zurückhaltenden Art war er ein angenehmer und zuverlässiger Mitarbeiter.“ 1960 eröffnete Heim eine eigene gynäkologische Klinik in Baden-Baden. Nach seiner Flucht nach Ägypten soll er 1992 an Darmkrebs verstorben sein.

Ursula Luise Link beginnt ihre Geschichte mit einem literarischen Einstieg. „Das Dunkle in Onkel Tarek“, heißt das erste Kapitel. Sie beschreibt in einer einfühlsamen Sprache, wie der Arzt lächelnd und freundlich in Bad Nauheim mit seinem Patienten umgegangen ist. „Die Historie hat den Stoff für die Erzähl-Montage geliefert. Zeiten, Orte, Abläufe und Inhalte wurden sorgfältig recherchiert und oft durch Quellenverweise belegt. Nicht jedes Detail, nicht alle Gedanken und Gefühle der Erzählcharaktere müssen 1:1 stimmen. Aber genauso könnte es gewesen sein“, heißt es in ihrem Nachwort.

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