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Zauberkraft gegen böse Geister

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Vilbeler Gymnasiastin arbeitet in Nigeria und berichtet über die Kombination aus traditionellem Glauben und Christentum

Von Janna Schneider

Die Religion nimmt im Leben der meisten Nigerianer einen wichtigen Platz ein. Neben Christentum und Islam praktizieren manche die traditionelle afrikanische Religion, die sie teils mit einer der weitverbreitenden Religion vermischem. So kann hier ein gläubiger Christ böse Geister mit Juju, einer Art Zauberkraft, vertreiben.

Die Religion sorgt, da ich Atheistin bin, immer wieder für Probleme. In harmlosen Fällen stößt meine Einstellung auf Unglaube und Verwirrung, immer wieder leider aber auch auf Antipathie. Für einige Nigerianer hängen Werte und Normen unlösbar mit Religion zusammen. Ergo: Wer nicht religiös ist, hat keine Moral.

Ich besuche hier dennoch die Kirche, ein faszinierendes Erlebnis: Es wird gelacht, getanzt, gesungen, euphorisch und gestenreich gebetet. Der nigerianische Gottesdienst steht im deutlichen Gegensatz zum deutschen, der eher leise und würdevoll – und auch etwas dröge – gestaltet wird.

Der Glaube der Nigerianer ist so fest, dass die Bibel bis ins letzte Detail wörtlich genommen wird. Die Evolution wird belächelt, die Hierarchie von Mann und Frau ist festgelegt – Frauen müssen sich unterordnen, „weil es Gott gefällt“ – und Frauen, die bei der Abtreibung sterben, müssen ins Höllenfeuer. In Diskussionen vertritt der Pastor eisern die Meinung, wer gläubig sei, sei frei von Sünde und nicht in der Lage, etwas Niederträchtiges zu tun – mir fallen da die Berichte über Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen ein.

Eines Sonntags erlebte ich etwas Beängstigendes: Einige Frauen begannen zu schreien, sich auf den Boden zu werfen und zu weinen. Sie traten um sich, ihre Stimmen erfüllten die Kirche: „I am released! Jesus, I am released! I see Him, I see Him!“ Die zuckenden Körper erinnerten an Epilepsie-Anfälle. Später wurde mir klar: Es ist Zungenrede, die vermeintliche Gabe, eine Sprache zu sprechen, die nur Gott versteht. Was mir erscheint wie Einbildung und Verlust der Selbstkontrolle, bedeutet ihnen unvorstellbares Glück.

Falls nun mancher den Eindruck hat, Nigeria sei überlaufen von Fundamentalisten: Ich habe viele, insbesondere junge, gut ausgebildete Menschen getroffen, die liberal sind. Sie nehmen zwar das Konzept eines übersinnlichen, steuernden Wesens an, betrachten die Bibel aber nur als Ansatz. Und es gibt auch einige wenige Atheisten. Den meisten ist jedoch nicht einmal das Wort geläufig.

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