Wiesbaden

Wiesbaden: „Wir drohen auszubluten“

  • schließen

Freie Theatermacher klagen ihr Leid. Der Bundesverband fordert die Solidarisierung und einen Dialog mit der Politik

Kleine Theatergruppen haben es in Wiesbaden nicht leicht. Rund 35 Gruppen gibt es in der Landeshauptstadt, neun von ihnen kamen am Montagabend in den Bürgersaal im Georg-Buch-Haus, um ihr Leid zu klagen. Und das ähnelte sich: zu wenig Geld, zu wenige Bühnen und zu viel „Klinkenputzen“.

Der Kulturbeirat der Stadt hatte freie Theaterhäuser und Ensembles ohne eigene Bühne eingeladen, um über die freie Szene zu sprechen. Mit der Veranstaltung wolle man eine Botschaft senden, sagte Beiratsmitglied Susanne Müller. „Wir haben unsere Arbeit aufgenommen und wollen die Theaterszene kennenlernen.“

Müller betonte, wie wichtig das freie Theater für die Wiesbadener Stadtgesellschaft sei: „Die Theaterszene zeigt, wie frei die Menschen in der Gesellschaft leben.“ In der Einladung hatte der Kulturbeirat die Gruppen aufgefordert, darüber zu sprechen, welche Unterstützung sie sich außer Geld wünschten. Trotzdem kamen die Theatermacher immer wieder auf ihre finanziellen Probleme zurück. „Wir sind auf einer Schiene zur Altersarmut und drohen auszubluten“, warnte Wolfgang Vielsack. In seinem Künstlerhaus 43 werde er an rund 240 Tagen im Jahr von ehrenamtlichen Helfern unterstützt, neue Mitarbeiter anstellen könne er nicht, sagte Vielsack. „Wir brauchen mehr Kohle, ganz klar.“

Als Experten hatte der Kulturbeirat Tom Wolter eingeladen. Der Vize-Vorsitzende des Bundesverbands Freie Darstellende Künste stellte den freien Theatermachern immer wieder kritische Fragen. Als Wolfgang Vielsack die mangelnde finanzielle Unterstützung beklagte, hielt Wolter dagegen: „Kennst du denn alle Fördermöglichkeiten?“ Der Leiter des Künstlerhauses 43 musste einräumen, dass er wohl tatsächlich viele nicht kenne. „Deswegen wünsche ich mir eine Stelle im Kulturamt, die berät und vermittelt“, sagte Vielsack. Auch Fabian Kuhl vom Theater im Pariser Hof beklagte, dass der Betrieb bei rund 100 Vorstellungen pro Jahr ohne ehrenamtliche Helfer kaum zu stemmen sei. „Gerade Vermarktung und Werbung stellen uns vor große Probleme.“ Tom Wolter hakte nach, ob das denn tatsächlich Ehrenamt sei oder nicht viel eher unbezahlte Arbeit – „darüber müssen wir sprechen“.

Für das Freie Theater Wiesbaden sei die Suche nach einer Bühne eine Mammutaufgabe, berichtete Barbara Haker. „Unsere Arbeit besteht nur zu zehn Prozent aus Theater und zu 90 Prozent aus Klinkenputzen.“ Sie forderte von der Stadt „eine freie Bühne für freie Ensembles“ und rief ihre Theaterkollegen zu mehr Solidarität untereinander auf: „Wir müssen uns gegenseitig aushelfen.“

Einen Experimentalraum wünschte sich Christine Diez vom Goj-Theater, „in dem wir etwas ausprobieren dürfen und nicht auf Betriebswirtschaftlichkeit achten müssen“. Kieth Greenleaf vom English Language Theater schlug sogar vor, jenen Unternehmen, die Theatergruppen unterstützten, einen Nachlass der Gewerbesteuer zu gewähren.

Er habe nicht erwartet, auf so viel Demut unter den Theatermachern in Wiesbaden zu stoßen, sagte Tom Wolter, nachdem sich alle neun Gruppen vorgestellt hatten. Er komme aus Halle an der Saale, einer ostdeutschen Stadt ohne größere Unternehmen. „Und ihr im nicht gerade armen Wiesbaden sagt: ‚Wir wollen nicht davon leben‘.“ Dabei habe die Szene in Wiesbaden genug „Power“. Wolter forderte die Theatermacher auf, sich zu solidarisieren und einen Dialog mit der Politik zu suchen. Die Forderungen der einzelnen Theatermacher seien oft zu allgemein, beklagte Wolter. „Seid präzise: Woran genau fehlt es? Was braucht ihr im nächsten Jahr? Nichts ist hilfreicher als die klare Ansage einer Gruppe, die sich abgestimmt hat.“

Hintergrund: Der Kulturbeirat

Der Kulturbeirat berät die Stadt Wiesbaden als unabhängiges Gremium bei der Weiterentwicklung ihrer Kulturpolitik. Dem Beirat gehören 25 Personen aus Politik und den verschiedenen Sparten der Kultur an.

In den kommenden Monaten soll es weitere Diskussionsrunden mit Wiesbadener Gruppen aus Film, Musik und Literatur geben.

Die nächste Sitzung des Kulturbeirats findet am Dienstag, 12. März, im Rathaus am Schlossplatz ab 18 Uhr im Sitzungszimmer 22 statt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare