Vera Marie Schmidt als Anne Frank.
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Vera Marie Schmidt als Anne Frank.

Bad Vilbel

"Weil ich ein Mädchen bin"

  • Andreas Groth
    vonAndreas Groth
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Kurzweilig, bedrückend und lustig: Die Burgfestspiele Bad Vilbel bringen "Das Tagebuch der Anne Frank" auf die Bühne.

Wer interessiert sich für die Herzensergüsse eines 13-jährigen Schulmädchens?“, fragt Vera Maria Schmidt. Die Schauspielerin blickt in den Theaterkeller der Burgfestspiele, wo Schüler aus Büdingen und Maintal sitzen. Sie wollen ihre Ergüsse hören. Es sind keine austauschbaren Gedanken, sondern Worte einer jüdischen Teenagerin, deren Tagebuch zur Weltliteratur geworden ist: Anne Frank.

Vera Maria Schmidt spielt in Ulrich Cyrans Inszenierung „Das Tagebuch der Anne Frank“ das jüdische Mädchen aus Frankfurt. Die Burgfestspiele haben das Buch auf die Bühne gebracht. Das 70-minütige Stück ist auf Schmidt zugeschnitten. Nur sie steht als Hauptfigur auf der Bühne, kein anderer der sechs in einem Hinterhaus in Amsterdam Untergetauchten wird verkörpert. Ein Solospiel, das aber weit davon entfernt ist, monoton zu sein.

In Leggins und geringeltem Sweatshirt bewegt sich Schmidt vor einer Wand aus Euro-Paletten, die Bühne spärlich beleuchtet von Glühbirnen. Das Publikum erfährt aus „Kitty“, wie Anne Frank ihr Tagebuch nennt, die Wünsche und Sehnsüchte einer pubertierenden Jugendlichen.

Inszenierung hinterlässt bleibenden Eindruck

Aber genauso ihre Verzweiflung im Versteck. Schmidt schafft es, die Brüche in Anne Franks Gefühlswelt drastisch zu setzen: Offenbart sie in einem Moment noch die Gefühle gegenüber Peter van Pels, der zusammen mit Vater und Mutter das Versteck mit den Franks teilt, wendet sie sich im anderen Moment vom Publikum ab und schildert in einer schier endlosen Aufzählung, was der jüdischen Bevölkerung alles untersagt ist.

Wunderbar albern wirkt Schmidt in der Situation, in der die Familien Frank und van Pels Kartoffeln schälen und jeder einzelne dies auf eine ganz eigene Weise tut. Reihum schlüpft die Schauspielerin dafür in die Charaktere der einzelnen Familienmitglieder. Für junge Zuschauer wird das Stück in diesen Momenten zu einer heiteren Darbietung. Kichern und Tuscheln ist auch zu vernehmen, wenn Anne Frank in ihrem Tagebuch den weiblichen Schambereich seziert.

Einen bleibenden Eindruck hinterlässt die Inszenierung nicht zuletzt durch die musikalische Begleitung. Mit Vassily Dück liefert ein europaweit gefragter Akkordeonist den Klang zum Solospiel. Er verstärkt die Geschichte mit modernen Liedern. Mal erklingt die Titelmelodie von Löwenzahn, mal „Weil ich ein Mädchen bin“ von Lucilectric.

Dann vergisst man fast, in welch dunkler Epoche die Geschichte spielt und durch welche Tyrannei sie erst ermöglicht wurde. Daran erinnert das traurige jiddische Volkslied „Tsen Brider“. In ihm geht es um zehn Juden, die verschiedenen Handelstätigkeiten nachgehen und nacheinander umkommen. Anne Frank starb im März 1945 im Konzentrationslager an Typhus, nachdem die Familien verraten und verschleppt worden waren.

Wer vor der Aufführung Anne Franks Herzensergüsse noch nicht kannte, dessen Interesse sollte danach geweckt sein. „Das Buch“, sagt Linda Böhm, Schülerin am Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen, „muss man auf jeden Fall lesen.“

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