Wetterau

Unternehmen scheuen Förderanträge

  • Andreas Groth
    vonAndreas Groth
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Die Wirtschaftsförderung Wetterau ruft Kommunen und Firmen auf, sich um EU-Fördermittel für den ländlichen Raum zu bewerben.

Martin Röhling hörte 2016, als er an einer Veranstaltung der Wirtschaftsförderung Wetterau in Bad Nauheim teilnahm, erstmals davon, dass „Leader“ für ihn interessant sein könnte. Heute ist sein Steinmetz-Betrieb in Nidda ein Beispiel dafür, wie kleine Unternehmen von dem EU-Förderprogramm für den ländlichen Raum profitieren können. Mit dessen Hilfe leistete sich der Steinmetz- und Steinbildhauermeister eine vollautomatische Brückensäge, die rund 135 000 Euro kostete. Vom bürokratischen Aufwand ließ er sich nicht abschrecken. „Ich ziehe es durch.“ Der Lohn waren 45 000 Euro Zuschuss. 

Er und seine sieben Mitarbeiter sind damit eine Ausnahme. In der seit 2014 laufenden Förderperiode hat sich bislang kein weiteres Unternehmen im Wetteraukreis um Leader-Mittel bemüht. Bis März waren von 380 000 Euro Fördergeld, die der regionalen Wirtschaft, Bildung, Mobilität und Energie bis zum Ende der Förderperiode 2020 zugute kommen sollen, nur zwölf Prozent beansprucht. In der Kategorie „Dörfer und Städte, Daseinsvorsorge, Soziales“ lag der Wert bei elf Prozent. Selbst wenn man alle sechs Themenbereiche zusammen betrachtet, fällt das Fazit ernüchternd aus: „Mit 34 Prozent Budgetauslastung liegt die Region im letzten Drittel im Landesvergleich“, heißt es im Protokoll eines Bilanzworkshops vom März. 

17 der 25 Kommunen des Wetteraukreises gehören der Leader-Region Wetterau/Oberhessen an. Sie befinden sich vor allem im Osten des Kreises. Wohin Geld fließt, ist maßgeblich vom Votum des „Leader“-Beirats abhängig, das formal letzte Wort hat indes die beim Wetteraukreis angesiedelte Bewilligungsstelle. 

Steinmetz Röhling bekam von ihr Ende Juni 2017 die Zusage. Viele Unternehmer-Kollegen wüssten gar nicht, dass man einen solchen Antrag stellen könne, sagt er. Und selbst von denen, die es wüssten, entschieden sich die meisten dagegen, weil sie überlastet seien und deshalb noch mehr den bürokratischen Aufwand scheuten.      

Vor allem aber ist die Förderung an etliche Voraussetzungen geknüpft. Nur Betriebe, die weniger als zehn Mitarbeiter haben und deren Vorhaben in den Augen des Leader-Beirats eine Innovation darstellt, können gefördert werden. Außerdem müsse die Investition mindestens einen neuen Arbeitsplatz nach sich ziehen, erklärt Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau. Röhlings Betrieb habe diese und andere Kriterien erfüllt. 

Im Juli vergangenen Jahres stellte der Steinmetz einen weiteren Gesellen ein. Auch habe es ihm die Brückensäge ermöglicht, in einem neuen Beruf auszubilden. Am 1. August fängt sein erster Azubi zum Naturwerksteinmechaniker an. Innovativ sei die Säge, weil sie viel weniger Zeit benötige als die alte, Werkstücke selbstständig verschieben könne und sich der Hersteller ins System schalten könne, wenn es Probleme gebe. Nicht zuletzt könnten andere Firmen in der Region sie mitbenutzen. All das musste er in einem Geschäftsplan darlegen.

Wirtschaftsförderer Domes hofft auf mehr Unternehmen, die sich um Leader-Mittel bemühen. Man stehe kurzfristig für eine erste Einschätzung der geplanten Investition zur Verfügung, sagt er. Dasselbe Angebot dürfte den Städten und Gemeinden gelten. „Wir würden uns mehr Anträge aus den neuen Leader-Kommunen wünschen.“ Nur von zwei der sechs hat es bislang Anträge gegeben. Mitglieder des Leader-Beirats machen dafür verschiedene Faktoren verantwortlich. Die Kommunen hätten wenig Geld für zusätzliche Projekte und würden – genauso wie Unternehmen – wegen des hohen Aufwands davon abgehalten, Fördergeld zu beantragen. Nicht zuletzt gebe es für zentrale Themen wie Energie und Mobilität andere Fördertöpfe. 

Für Steinmetz Röhling hat sich der Aufwand für die moderne Säge nach eigenem Bekunden gelohnt: „Ich bin jetzt gegenüber Firmen, die 30 Mitarbeiter haben, konkurrenzfähig.“

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