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Runder Tisch gegen die Ängste

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Der Festplatz in Lindheim ist geeignet, um dort eine Leichtbauhalle für die Unterbringung von maximal 100 Flüchtlingen zu errichten, er wird momentan aber nicht priorisiert. leo © Björn Leo

In Altenstadt macht ein Gerücht die Runde: Flüchtlinge aus der Waldsporthalle Oberau würden Frauen belästigen. Zwei junge Frauen sollen sich vor einem Übergriff in den benachbarten Rewe-Markt gerettet haben. Angezeigt wurde ein derartiger Vorfall nicht. Die Gemeinde Altenstadt will nun einen runden Tisch starten, um das Asylthema „sachlich und transparent“ zu behandeln.

Denn auf dem Festplatz in Lindheim könnte der Wetteraukreis eine Unterkunft errichten. „Der Festplatz in Lindheim ist für die Unterbringung von Geflüchteten grundsätzlich geeignet“, heißt es aus dem Kreishaus in Friedberg. Bürgermeister Norbert Syguda (SPD) selbst hatte dem Wetteraukreis vorgeschlagen, dort eine Leichtbauhalle zu errichten, damit die seit November als Flüchtlingsunterkunft genutzte gemeindeeigene Waldsporthalle Oberau bald wieder für den Vereins- und Schulsport freigegeben werden kann. Lindheim werde aber „derzeit nicht priorisiert“, sagt Kreispressesprecherin Deliah Eckhardt, „voraussichtlich werden wir bis Ende des Monats informieren können, wie die fünf vom Kreis angeschafften Leichtbauhallen verteilt werden.“ Jede dieser Hallen könne maximal 100 Personen aufnehmen.

Auf Facebook ist derweil die Stimmung hochgekocht. Hintergrund ist ein Brief des Rechtsaußen Stefan Jagsch, in dem der NPD-Gemeindevertreter und Landesvorsitzende der Neonazi-Partei die Lindheimer dazu aufruft, „eigenständig“ Proteste zu organisieren gegen eine Flüchtlingsunterkunft auf dem Festplatz. Jagsch verschweigt in dem Brief zwar seine politische Heimat, doch seit er im Herbst 2019 in einem beispiellosen Akt politischer Unbedarftheit zum Ortsvorsteher der Waldsiedlung gewählt worden war, fand sein Name bundesweit in die Schlagzeilen. Von „ekelhafte rechte Spackos“ bis „Die (Flüchtlinge, Anm. d. Red.) sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst“ reicht der Schlagabtausch im Netz, nachdem ein User eine Fotografie des Jagsch-Briefes veröffentlicht hat. Die Urheberin der Behauptung, zwei junge Frauen hätten sich vor einem Übergriff durch Flüchtlinge nur in den benachbarten Rewe-Markt in Oberau retten können, bleibt trotz mehrfacher Aufforderung aus der Community einen Nachweis ihrer Aussage schuldig. Nach Auskunft der Polizei in Friedberg wurde ein solcher Vorfall bisher nicht zur Anzeige gebracht. Sollte es sich tatsächlich so zugetragen haben, bittet die Polizei mögliche Zeugen und die betroffenen Frauen, sich zu melden.

Die Sorge um die Sicherheit ist groß. Die Gemeinde Altenstadt will nun mit einem runden Tisch darauf reagieren. In der vierten Kalenderwoche sollen Vertreter der Kommune, von Kirchen und Vereinen, aber auch der Fachstelle Migration des Kreises gemeinsam beraten, wie man eine gute Betreuung der Flüchtlinge auf die Beine stellen kann. „Wir stehen vor einer riesigen Herausforderung, Sozialromantik hilft uns nicht weiter“, räumt Syguda ein, der sich im Mittelpunkt der Kritik weiß. „Von mir kamen schließlich die Vorschläge Waldsporthalle und Festplatz Lindheim.“

NOCH 20 PLÄTZE

Aktuell leben in der Großgemeinde Altenstadt etwa 240 geflüchtete Menschen. Davon hat die Gemeinde 103 in Wohnungen und Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Weitere 50 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine leben bei Verwandten und Freunden.

Der Wetteraukreis hat die Waldsporthalle in Oberau mit 60 Geflüchteten belegt und betreibt in der Kerngemeinde Altenstadt eine weitere Unterkunft mit 30 Plätzen. Die Kapazität für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge liegt laut Bürgermeister Norbert Syguda derzeit bei 20 Plätzen. jub

Eine dezentrale Unterbringung von Geflüchteten, die auch er für die beste Lösung hielte, scheitert am Wohnungsmangel. „Der Markt ist leer“, so der Bürgermeister. Die Ängste nähren sich hauptsächlich aus der Aussage, in der Waldsporthalle beziehungsweise in Lindheim würden überwiegend junge Männer untergebracht. „Diese Ängste kann man nicht wegdiskutieren“, sagt Syguda, „ich kann aber nicht für jeden die Hand ins Feuer legen“. Der beste Schutz vor Übergriffen sei eine gute Integration, „aber davon sind wir im Moment ein großes Stück entfernt“. Wie man auf diesem Weg weiterkommt, soll der runde Tisch beratschlagen. In Kalenderwoche sechs soll dann eine Bürger-Infoveranstaltung folgen.

Sven Müller-Winter, Fraktionsvorsitzender der CDU in der Gemeindevertretung und Vorsitzender der im vergangenen Jahr als Verein gegründeten „Initiative für Demokratie und Vielfalt in Altenstadt“, ist einer, der laut Syguda in dieser Sache mächtig aufs Tempo drückt. Statt gleich einen Integrationsanspruch zu formulieren, solle man zunächst versuchen, den geflüchteten Menschen Angebote zu machen und Aufgaben zu geben, damit sie nicht bloß zum Warten verdammt sind und in Lethargie versinken, gibt Müller-Winter zu bedenken. „Eine Integrationsbegleitung eins zu eins wird bei 60 Flüchtlingen in der Waldsporthalle sowieso nicht funktionieren.“ Aber Übungsleiter von Vereinen könnten vor Ort sportliche Angebote machen. Syguda kann sich vorstellen, gemeinsam mit Flüchtlingen Betreuungsangebote für deren Kinder zu schaffen, denn was für die Wohnungen gilt, gilt auch für Kita-Plätze: Es gibt keine.

Die viel diskutierte Frage, weshalb überhaupt Flüchtlinge nach Deutschland und nach Altenstadt kommen, sei eine politische und auf Bundesebene zu behandeln, so Müller-Winter. „Wir vor Ort haben die Verpflichtung, mit allen menschenwürdig umzugehen und niemanden im Stich zu lassen. Allgemeine Klagen lösen das Problem nicht. Die Menschen sind ja doch da.“

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