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Handarbeit mit Liebe zum Detail – Holder Wenzel ist in seinem Element.
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Handarbeit mit Liebe zum Detail – Holder Wenzel ist in seinem Element.

Schreinerei Wenzel

Rettung für Schrank, Tisch und Stuhl

Die Traditions-Schreinerei Wenzel in Gronau repariert antike Möbel. Am kommenden Samstag und Sonntag öffnen Tischler in der ganzen Region ihre Werkstätten.

Von von Bente Krämer

Die Traditions-Schreinerei Wenzel in Gronau repariert antike Möbel. Am kommenden Samstag und Sonntag öffnen Tischler in der ganzen Region ihre Werkstätten.

Sein Zwilling ist bei einem Bombenangriff die Treppe heruntergestürzt und war zerstört. Dieser Schrank blieb verschont, weil er auf der anderen Seite des Treppenhauses stand. Der Sekretär aus der Biedermeierzeit um 1850 hatte Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg“, erzählt Holder Wenzel während er durch das zweite Geschoss seiner Schreinerwerkstatt in Gronau schlendert.

Wo man auch hinschaut antike Schränke, restaurierte Kommoden, Werkzeuge aus dem vorigen Jahrhundert und teures Holz. Auch der Nussbaumsekretär birgt Geheimnisse: doppelte Böden in den Schubfächern und versteckte Fächer in den Seitenschränken. Offenbar hat er auch schon vor dem Bombenangriff spannende Dinge erlebt.

Jedes der hier fein säuberlich angeordneten Möbelstücke hat eine Geschichte. Die Aufgabe der Wenzels ist es, die Stücke so hinzubekommen, dass man ihnen die Narben der Vergangenheit nicht mehr ansieht. Dazu müssen Ecken ausgebessert, Polituren ergänzt und teilweise ganze Stücke ausgetauscht werden. Das erfordert Geduld und vor allem sehr genaues Arbeiten.

Geschick beim Einpassen von Furnierstücken, Augenmaß beim Herstellen der Schubladen, Gefühl beim Schleifen der Furniere und Oberflächen ? Frauenhände eigneten sich dafür besonders gut, meint Schreiner Wenzel.

Das bestätigt auch Marina Hamann. Ihr Urgroßvater Johann Wenzel gründete vor 146 Jahren das Familienunternehmen. Die 49-Jährige ging indes nicht den geraden Weg ins Handwerk. Nach dem Abitur hatte sie eine Lehre zur Bankkauffrau gemacht und auch einige Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Als auf Computer umgestellt wurde, begann sie eine Ausbildung zur Programmiererin, brach diese aber nach kurzer Zeit ab und verkündete ihrem Vater, sie wolle in die Schreinerei einsteigen. Der stellte sie sofort ein. Sie sollte nicht die einzige Frau im Betrieb bleiben. Der Vater Gerhard Wenzel hat schon mehreren weibliche Lehrlinge eingestellt, die mit Sorgfalt und Geduld in den ruhigen, hellen Räumen der Schreinerwerkstatt in der Kirchgasse 2 die handwerkliche Arbeit erlernten.

Vor mehr als hundert Jahren ging es in den Räumen noch anders zu – damals war hier eine Wagnerei, die Holzräder und -pflüge herstellte. Als in den 50er Jahren die Holzräder von Gummireifen verdrängt wurden, war kaum noch Arbeit da. Gerhard Wenzel musste umdenken. Von einem Frankfurter Restaurator hatte er einiges über das Bearbeiten alter Möbel gelernt und beschloss so kurzerhand, sich diese Kunst anzueignen. Von vielen Seiten wurde er belächelt und nicht ernst genommen. „Was will man denn mit alten Möbeln“, musste er häufig hören. Die heute unter Antiquitätenfreunden beliebten Frankfurter Wellenschränke wurden damals noch zu Brennholz verarbeitet. Doch Gerhard Wenzel ahnte den neuen Trend und begann, die Schränke aufzuheben.

Es hat sich für ihn gelohnt: Mittlerweile hat die Schreinerei einen Kundenstamm, der über mehrere Generationen und den Atlantik reicht. Die Wellenschränke aus der Barockzeit, die er damals vor dem Ofen rettete, sind heute zwischen 5000 und 40000 Euro wert. Die Kunden, die ins Interieur investieren, sind keineswegs nur Millionäre. „Häufig handelt es sich um Familienerbstücke, die renoviert werden sollen. Wenn die Möbel eine lange Familiengeschichte haben, investieren die Kunden auch mal mehr.“

Kosten für Werbung hat die Schreinerei nicht. „Das läuft alles über Mundpropaganda – wir haben immer genug zu tun“, sagt Holder Wenzel.

Sein Vater Gerhard restauriert noch immer mit. „Er ist ja auch erst 80“, scherzt Holder Wenzel, der den Betrieb 2003 übernommen hat. Der 46-Jährige ist Schreinermeister, seit 1995 zusätzlich geprüfter Restaurator. „Doch man lernt nie aus“, sagt der. Ob der Schreinereibetrieb auch in die fünfte Generation gehen wird, steht noch in den Sternen. Holders Sohn Roman und Tochter Michelle sind sich noch nicht ganz einig, ob einer der beiden den Betrieb übernehmen wird.

Das Restaurieren alter Möbel ist vor allem Handarbeit. Sie kann nicht, wie auf anderen Gebieten des Schreinerhandwerks, durch Maschinen getan werden. Die Arbeit gestaltet sich je nach Möbelstück und Schaden individuell. Es gibt keine genormten Größen und Formen.

„Das Ausbessern stark beschädigter Möbel kostet viel Zeit – manchmal bis zu 400 Stunden“, sagt Holder Wenzel. Wie lange genau, das lasse sich zu Beginn kaum einschätzen. Das soll aber nicht zum Nachteil für die Kunden werden. Kostenvoranschläge werden eingehalten. „Wenn ich meinen Kunden einen Preis genannt habe, zählt der – wenn es dann mehr Arbeit als erwartet ist, ist das mein Problem“, sagt Holder Wenzel.

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