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Windräder, hier bei Wöllstadt, tragen zur Energiewende bei, sind jedoch bei Anwohnern und Tierschützern oft unerwünscht.

Wetterau

„Potenzial für 100 Windkraftanlagen“

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Werner Neumann, neuer BUND-Kreisvorsitzender, zur Energiewende und Rewe in der Wetterau.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz sieht sich in den nächsten Jahren mit besonderen Herausforderungen konfrontiert: mehr Mitglieder akquirieren, Kampf gegen den Flächenverbrauch und Ausbau der Windenergie. Bei den Vorstandswahlen im Kreisverband wurde hierzu eine neue Führungsriege aufgestellt.

Herr Neumann, hat sich der BUND Wetterau mit Ihrer Wahl zum Ersten Vorsitzenden für mehr Kampfbereitschaft aufgestellt, etwa gegen das Rewe-Lager bei Wölfersheim?
Nein, das hat nichts mit Rewe zu tun. Der alte Vorstand hat in dieser Sache und auch sonst gute Arbeit geleistet, aber es stehen neue Herausforderungen an, die sich mit einem neuen Vorstandsteam wegen der mitgebrachten Kompetenzen besser bewältigen lassen. So wird Vizevorsitzender Uwe Steib den Internetauftritt überarbeiten.

Als ein Ziel für die kommenden drei Jahre haben Sie die Stärkung der Ortsverbände angekündigt. Warum ist das nötig?
Auch der BUND steht vor dem Problem des Generationenwechsels. Es muss uns gelingen, verstärkt die Mitglieder zu aktivieren und junge Leute zu motivieren, bei uns mitzumachen. Die BUND-Jugend ist hierbei eine gute Nachwuchsquelle. Allerdings ist die BUND-Jugend auf dem Land nicht so stark besetzt wie in den großen Städten. Damit sich mehr Menschen für die Umwelt einsetzen, sollen in der Wetterau auch neue Ortsverbände entstehen. Im Ostkreis gibt es beispielsweise einen BUND-Ortsverband, der sieben Kommunen umfasst. Der BUND soll künftig im Idealfall in jeder Kommune vertreten sein.

Mitglieder aktivieren, was ist darunter zu verstehen?
Es müssen neue Formen gefunden werden, die Mitglieder praktisch an Projekten zu beteiligen und das mit dem Anspruch der Kontinuität. Das kann zum Beispiel ein praktischer Informationsaustausch untereinander auf verschiedenen Gebieten sein. Themengebiete, auf denen der Einzelne Erfahrung vorweisen kann, für die Energiewende zu Hause etwa die Besitzer / innen einer Photovoltaikanlage oder eines Elektroautos oder erfahrene Hobbygärtner / innen für die Pflege einer Streuobstwiese. Mitglieder können sich gegenseitig helfen beim Umwelt- und Naturschutz.

Wird der Kampf gegen das Rewe-Lager sich künftig verschärfen?
Es geht in erster Linie doch nicht um das Lager selbst, sondern darum: Rewe nimmt sich einen der besten Ackerböden in Europa, weil dies für das Unternehmen offenbar der einfachste Weg war. Selbst in Wölfersheim gibt es andere, weniger wertvolle Flächen etwa auf der anderen Seite der A45, die sich besser für ein Logistikzentrum geeignet hätten. Das hat die Gemeinde gar nicht geprüft. Mit dem jetzigen Standort musste damals alles sehr schnell gehen bei den politischen Entscheidungsträgern. Eine Abwägung möglicher Alternativen fand nicht statt.

Will der BUND an Rewe nun ein Exempel statuieren, um Wiederholungsfällen vorzubeugen?
Das kann man so sagen. Damit Rewe bauen kann, wurde mit einer Zielabweichung vom Regionalplan, der den künftigen Lagerstandort als Ackerfläche auswies, eine Ausnahme geschaffen, gegen die der BUND jetzt in zweiter Instanz vor dem Hess. Verwaltungsgerichtshof klagt. Die Regionalplanung ist ein sorgfältig ausgearbeitetes Werk, Zielabweichungen müssen alternativlos sein, das ist beim Rewe-Lager nicht der Fall. Es kann doch nicht sein, dass Kommunen nur noch als Flächenlieferanten für die Großkonzerne fungieren und dazu noch Landwirte enteignet werden. Wir wollen Flächenfraß stoppen, um die guten Böden für Landwirtschaft und Natur zu erhalten.

Werner Neumann, 65, promovierter Physiker aus Altenstadt, ist zum Vorsitzenden des BUND-Kreisverbands Wetterau gewählt worden.

Welche Position nimmt der BUND beim Windkraftausbau ein?
Wir stehen klar zum Ziel der Landesregierung, dass zwei Prozent der Landesfläche für die Windenergie genutzt werden sollen. Das heißt, dass diese zwei Prozent nicht auf wenige Landkreise verteilt sind, sie müssen in ganz Hessen an den günstigen Standorten stehen – viel Wind und geringe Auswirkungen auf die Natur.

Was heißt das konkret in Zahlen für die Wetterau?
In der Wetterau besteht ein Flächenpotenzial für rund 100 Anlagen, das sollte auch genutzt werden. Wenn die Stadt Butzbach jetzt den Vertrag mit der OVAG zum Aufbau von Windkraftanlagen kündigt, dann ist das nicht zu verstehen. Die Bürger müssen sich fragen, woher sie künftig ihre Energie beziehen wollen. Alle Bürgermeister stehen bei dieser Frage in der Verantwortung. Es gibt aber auch positive Beispiele, etwa Gedern und Kefenrod.

Droht in der Wetterau ein Stillstand beim Windenergieausbau, denn Butzbach ist nicht der einzige Fall einer Absage?
Die Windkraftvorrangflächen wurden auf ihre Umwelt- und Siedlungsverträglichkeit akribisch geprüft, was die Umsetzung dennoch nicht vereinfacht. Wichtig ist, dass sich die Kommunen und ihre Bürger / innen auch wirtschaftlich beteiligen können. Gut wäre es, Stromangebote zu schaffen, dass man den Windenergiestrom direkt beziehen kann, da dieser immer preisgünstiger wird. Zudem können Kommunen, in deren Nähe Windenergieanlagen gebaut werden, besonders gute Förderung für Klimaschutzmaßnahmen durch das Land Hessen bekommen – das ist kaum bekannt.

Muss der BUND Wetterau nicht einen Spagat bewältigen, wenn er einerseits mit vielen Unterstützern gegen das Rewe-Lager an besagter Stelle vorgeht, diese Unterstützer womöglich jedoch etwa wegen des Landschaftsschutzes Windkraft ablehnen?
Das ist ein lösbarer Konflikt. Die zwei Prozent Ausbaufläche müssen erreicht werden, aber mit ausreichendem Abstand zu Siedlungen. Bei Windenergie im Wald müssen Eingriffe von einem halben Hektar pro Anlage ohnehin aufgeforstet werden, dazu gibt es bereits gute Beispiele bei den „Vier Fichten“ zwischen Büdingen und Wächtersbach.

Wie wird der Konflikt mit den Tierschützern gelöst?
Hinsichtlich Vögeln und Fledermäusen ist die Abschaltung in kritischen Zeiten inzwischen Standard bei Genehmigung und Betrieb. Damit können die Einwirkungen so weit reduziert werden, dass signifikante Wirkungen vermieden werden. Man darf in der Diskussion nicht vergessen, dass Windenergie auch Klimaschutz und damit Naturschutz ist. Das Mindern der Erderwärmung sichert somit auch das Überleben von Rotmilan und Fledermäusen.

Interview: Detlef Sundermann

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