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Pfleiderer vor dem Aus

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Von: Martin Brust

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Wohin der Weg für die Mitarbeiter geht, ist ungewiss.
Wohin der Weg für die Mitarbeiter geht, ist ungewiss. © Sascha Rheker

Mitten im Aufschwung will der Pfleiderer-Konzern sein Spanplattenwerk in Nidda schließen. 145 Menschen würden damit ihre Arbeit verlieren. Noch im Frühjahr wurden junge Kollegen eingestellt, die Ausbildungsquote verdoppelte sich damals.

Mit lautstarken Buh-Rufen haben die Mitarbeiter der Pfleiderer AG im Werk Nidda am Montag ihrem Zorn Luft gemacht. Kurz zuvor haben die 145 Menschen erfahren, dass ihr Werk geschlossen werden soll. Michael Wolff, Westeuropa-Chef bei Pfleiderer, begründete das auf der Betriebsversammlung mit „strukturellen Überkapazitäten“ in Höhe von zehn bis 15 Prozent. Die bisher in Nidda bearbeiteten Aufträge – rohe und beschichtete MDF- und HDF-Platten in einem Volumen von rund 175.000 Kubikmeter pro Jahr – sollen künftig zu 70 bis 80 Prozent im brandenburgischen Baruth erledigt werden. Die Platten bestehen aus gepressten Holzfasern, die teilweise mit Leim getränkt sind. Sie sind etwa Trägermaterial für Laminat oder werden im Möbelbau eingesetzt.

Baruth wie Nidda seien nicht ausgelastet, so Wolff zur Frankfurter Rundschau. Aber in Baruth stehe die modernere Anlage mit fast der dreifachen Kapazität, Nidda sei dagegen die älteste MDF-Anlage im Konzern.

In Baruth wurde in den letzten Jahren kontinuierlich investiert – etwa in die Optimierung der Prozesse. Aber es sei nicht richtig, dass man sich damit selbst Überkapazitäten schaffe, so Wolff. Auch künftig soll in Baruth investiert werden.

Dort gilt laut Heinz Schütte-Schrage von der IG Metall Mittelhessen ein niedrigerer Tarif. Der Gewerkschafter, der für die Betreuung des Werks in Nidda zuständig ist, kritisiert die Entscheidung. Zwar zeige die Möbelindustrie – Hauptabnehmer für Faserplatten – derzeit noch Krisenanzeichen. „Aber eine langfristige Überproduktion bezweifle ich.“ Außerdem könne die MDF-Produktion nicht wie geplant binnen zwei bis drei Monaten verlagert werden. Die Produktionsprozesse an beiden Standorten seien nicht gleich, und in Baruth könne das notwendige Know-how nicht so schnell aufgebaut werden. Das sieht Wolff allerdings nicht als Problem.

Die Gewerkschaft kündigt Aktionen und Proteste an. Schütte-Schrage will sich mit den Bürgermeistern von Nidda und Hirzenhain beratschlagen.

Außerdem werde der Betriebsrat in Nidda über Aktionen diskutieren. Im November treffe sich auch der Gesamtbetriebsrat von Pfleiderer, um über Gegenmaßnahmen zu sprechen. Denn der Konzern schließt noch weitere Werke.

Albrecht Fahlteich arbeitet in Nidda als Elektromeister und sitzt im Betriebsrat. Er hofft auf politische Unterstützung für die betroffenen Mitarbeiter und setzt auf deren hohen Organisationsgrad. „Viele Kollegen haben ihr Haus noch nicht abbezahlt, alle im Werk haben Existenzangst“, berichtet er. Im Frühjahr seien junge Kollegen eingestellt worden, die Ausbildungsquote habe sich verdoppelt. Das sei als Hinweis gedeutet worden, dass das Werk eine Zukunft habe.

Auch der Bürgermeister von Nidda, Hans-Peter Seum, zeigt sich betroffen vom drohenden Aus. Das Werk ist einer der größten Arbeitgeber in seiner Kommune. „Das hat Folgen für die Gemeinde und darüber hinaus für den gesamten östlichen Wetteraukreis und Teile des Vogelsbergs“, so Seum. Viele Handwerker, Zulieferer und der örtliche Handel seien vom Werk abhängig.

Auch der defizitären Gemeindekasse würden die Gewerbesteuereinnahmen fehlen. Ihm sei bei einem Besuch im Werk vor wenigen Wochen signalisiert worden, dass es 2011 und 2012 nicht gefährdet sei und es sogar Expansionspläne gebe.

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