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Neuanfang im Irgendwo

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Nimra (links), hier mit ihrer Schwester Amira, ihrem Cousin Mokhammad, ihrem Bruder Khachyn und ihrem Onkel Shahzaib, ist im März mit ihrer Familie vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen. seipel © Judith Seipel

Als Nimra und ihre Familie am Abend des 11. März auf einem Aussiedlerhof bei Gedern ankommen, ist der Schock groß. Aus der Millionenstadt Charkiw im Nordosten der Ukraine sind sie wenige Tage nach Kriegsbeginn geflohen und in der deutschen Provinz gelandet.

„Wo sind denn die Nachbarn?“, wundern sich die 17 Jahre alte Nimra und ihre Schwestern, als sie Anfang März an dem Haus vorfahren, das für die nächsten Monate ihr Zuhause sein wird: ein ehemaliger Aussiedlerhof im Irgendwo, rundherum nur Wiesen und Felder. Aber die Bleibe zwischen den Dörfchen Nieder-Seemen und Böß-Gesäß ist groß genug, um Nimra, ihre Eltern, ihre vier jüngeren Geschwister, ihre beiden Onkel, die Tante, einen Cousin, zwei Cousinen und die pflegebedürftige Großmutter aufzunehmen. Inzwischen weiß die 14-köpfige Familie Rekhman welches Glück sie hatte, denn landauf, landab fehlt es an Wohnraum.

Die Hilds aus Nieder-Seemen waren gerade dabei, das neu erworbene Anwesen zu renovieren, als sich in der Ukraine die Menschen Richtung Westen in Bewegung setzten. Sofort boten sie der Stadt Gedern das Haus für Kriegsflüchtlinge an. Die Nieder-Seemener trugen das Ihre dazu bei, alles für die Neuankömmlinge herzurichten. „Innerhalb von drei Tagen war alles da, was man zum Leben braucht“, staunt Elisabeth Schick, Sozialarbeiterin der Stadt, noch immer über die spontane Unterstützung aus der Bevölkerung.

Nimra und ihre Familie packen am 3. März in Charkiw hastig nur das Nötigste in die beiden Fahrzeuge. Sieben Tage nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine waren direkt neben den Häusern, in denen die Rekhmans lebten, Bomben eingeschlagen. Durch die Detonation zerbarsten Fensterscheiben. „Meine Cousine ist taub, aber die Explosion konnte sie hören“, erzählt Nimra.

Ein Onkel lebt schon seit einigen Jahren in Altenstadt. Dort kommen sie nach 2300 Kilometern Autofahrt an, müssen umsiedeln in ein Erstaufnahmelager, werden von dort dem Wetteraukreis zugeteilt und landen schließlich in Nieder-Seemen.

GEFLÜCHTETE AUS ALLEN TEILEN DER WELT

Zurzeit leben in der Großgemeinde Gedern 65 Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind. Weitere 20 sind inzwischen wieder dorthin zurückgekehrt. Viele Ukrainer sind bei Privatpersonen in leer stehenden Wohnungen untergekommen und würden dort inzwischen als Familienmitglieder betrachtet, berichtet Sozialarbeiterin Elisabeth Schick.

30 Geflüchtete aus der Ukraine leben in Unterkünften, die von der Stadt angemietet wurden. Darüber hinaus leben etwa 60 Geflüchtete aus allen Teilen der Welt in städtischen Flüchtlingsunterkünften. Etwa die Hälfte lebt schon länger hier. „Die Eltern sprechen gut Deutsch, gehen einer Arbeit nach, die Kinder besuchen Kita und Schule, spielen Fußball im Sportverein. Diese Familien könnten schon längst auf eigenen Beinen stehen und in einer eigenen Wohnung leben“, so Schick.

Für Menschen mit einer anderen Hautfarbe sei es jedoch leider schwierig, einer anderen Religion oder Kultur schwierig, eine Wohnung zu finden. So blieben sie in den Gemeinschaftsunterkünften hängen und blockierten unfreiwillig Plätze, die gebraucht würden für Menschen, die aktuell aus allen Krisenherden der Welt nach Deutschland und auch nach Gedern kommen.

Aktuell hat der Kreis das erste Obergeschoss der Schlossbergklinik angemietet. Die ersten Familien sind bereits eingezogen. Bei vollständiger Belegung werden dort etwa 50 Personen Platz finden. jub

Längst haben sich die 17-Jährige und ihre Schwester Sara (16) damit abgefunden, dass es im Vogelsberg keine Shopping Mall gibt. Dafür gibt es viel Zeit zum Lernen und gute Perspektiven für ehrgeizige junge Menschen. Nimra, die vor einigen Monaten via Internet ihren ukrainischen Schulabschluss gemacht und damit eine Hochschulzugangsberechtigung erworben hat, will Medizin studieren. Zurück in die Ukraine wollen sie alle nicht, sagt sie. Ursprünglich stammt die Familie aus Pakistan, aber seit vielen Jahren lebten sie in der Ukraine.

Nimra spricht erstaunlich gut Deutsch, eine Sprache, die sie vor einem Dreivierteljahr nicht kannte. Gelegentlich muss sie aufs Englische zurückgreifen, aber sie versteht jedes Wort. An der Berufsschule in Nidda besucht sie eine Intensivklasse für junge Flüchtlinge und Zuwanderer, um die Sprache zu lernen. Konversation und Grammatik übt sie außerdem mit der Lehrerin Bettina Goldemann aus Gedern, die auch Sprachunterricht speziell für geflüchtete Frauen wie Nimras Mutter Tayyaba anbietet. Die „Spinn-stubb“ aus Ober-Seemen unterstützt Nimras Lerneifer finanziell und zahlt die Lehrmittel sowie einen Teil des Unterrichts. Das Sprachniveau A2 hat sie bereits erreicht. Jetzt arbeitet sie auf B2 hin, das Voraussetzung für die Teilnahme an einem Studienkolleg zur Vorbereitung auf ein Studium ist. Für das wiederum benötigt sie das Zertifikat C1.

Dass die Hürden hoch sind, um in Deutschland einen Studienplatz für Medizin zu ergattern, weiß Nimra. Elisabeth Schick sagt, sie habe schon versucht, mit ihr mögliche Alternativen zu erörtern, „aber da ist nichts zu machen“. Nimra will Gynäkologin werden. Das sei schon der Traum ihrer Mutter gewesen, den diese aber wegen der Kinder nicht habe erfüllen können. „Nun möchte ich das gerne für uns beide schaffen“, kündigt die junge Frau an, „am liebsten in Frankfurt“. Für ihren Vater Rakhman, der in der Ukraine mit einem Elektronikhandel selbstständig war, läuft es nicht so gut. Er wartet seit Monaten auf einen Sprachkurs, wichtigste Voraussetzung, um hier Fuß zu fassen. „Er leidet“, weiß Elisabeth Schick, „25 Jahre lang hat er an sieben Tagen in der Woche gearbeitet, jetzt ist er zum Nichtstun gezwungen. Aber es gibt vor Januar keine freien Plätze in den Sprachkursen.“

Nimra hat in ihrer Klasse an der Berufsschule Freundinnen gefunden und ein Ziel vor Augen. Ihr geht es gut. Das Großstadtleben vermisse sie nicht mehr, beteuert sie. Zu einer Freundin aus Charkiw, die inzwischen in Kiew Schauspiel studiert, hält sie noch den Kontakt. Die Freundin habe berichtet, dass die Lage in Charkiw etwas besser geworden sei. „Aber die Menschen wissen nie, was als Nächstes passieren wird. Und das ist ihre größte Sorge“, sagt Nimra.

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